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Warum ist mir die Debatte um einen Berufsverband wichtig, warum beteilige ich mich aktiv an ihr?

Warum verfassen Sie Beiträge, warum lesen Sie mit und/oder diskutieren die Positionen aus der Debatte mit Ihren Kollegen? Hier ist Platz, sich dazu aus persönlicher Perspektive zu äußern. Anders als z. B. bei "Meine Geschichte, meine Erfahrungen" sollen die Äußerungen für sich stehen bleiben dürfen und nicht gegenseitig bewertet o. debattiert werden.
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Mario Pahlow
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Warum ist mir die Debatte um einen Berufsverband wichtig, warum beteilige ich mich aktiv an ihr?

Beitragvon Mario Pahlow » So 2. Apr 2017, 20:49

Ich stehe seit mehr als zwei Jahren in einem unbefristeten Arbeitsverhältnis bei einem Landesamt, bin inzwischen verbeamtet und bekleide eine Schlüsselstelle, die nicht entbehrlich ist. Das bedeutet, sofern ich nicht beim Neujahrsempfang des Ministerpräsidenten die silbernen Teelöffel stehle, kann ich bis zu meiner Pensionierung diesen Job ausführen, und ich kann auch haarklein ausrechnen, was ich in zehn, 15, 20 Jahren mindestens verdienen werde. Obwohl ich also im gemachten Nest sitze, engagiere ich mich dennoch gerne in dieser Diskussion. Zum einen weiß ich auch aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, jeden Monat auf einen neuen Arbeitsvertrag zu hoffen. Während ich genau ausrechnen kann, was ich in 30 Jahren als Pension überwiesen bekomme, wissen andere nicht einmal, wie sie im nächsten Monat ihre Miete bezahlen sollen. Dieses Damoklesschwert schwebt über ihnen, während sie mindestens acht Stunden am Tag harte körperliche Arbeit leisten, vielleicht mehrere hundert Kilometer von der Heimat entfernt.

Eine solche Zukunftsperspektive ist für die Ausgräber belastend und wirkt sich dann natürlich auf ihre Leistung aus. In der Denkmalpflege erfordern die verursacherfinanzierten Ausgrabungen eine hohe Leistung und eine noch höhere Leistungsbereitschaft. Die kann nur dann verlässlich erbracht werden, wenn es dem Ausgräber auch wirtschaftlich gut geht, wenn er sich nicht jeden Tag Sorgen um seine persönliche Situation machen muss. Ein kleiner Beitrag dazu sind geregelte Arbeitsbedingungen und ein Einkommen, das seine Leistung fair honoriert.

Das Grabungsgeschäft wird immer komplexer und die Konkurrenz unter den Firmen ist groß. Durch einen Berufsverband wäre eine Qualitätssicherung und wohl auch eine Qualitätssteigerung möglich. Die privatwirtschaftlich geführte Archäologie würde zu einem professionelleren, verlässlicheren Partner für Investoren und Bauherren. Gut durchgeführte Verursachergrabungen stärken auch die Position der staatlichen Denkmalpflege und somit meine Position gegenüber den Investoren und gegenüber der Politik.

Ickerodt
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Archäologie zwischen Mängelverwaltung und dem Einsatz für die gute Sache

Beitragvon Ickerodt » So 2. Apr 2017, 20:52

(Ulf Ickerodt)

Als Vertreter einer staatlichen Denkmalpflege im Archäologischen Landesamt Schleswig-Holstein, der vor seiner Festeinstellung auf nahezu zwei Jahrzehnte befristeter Arbeitsverträge in unterschiedlichen Bereichen der Archäologie zurückschaut, möchte ich gerne die laufende Debatte um einen Berufsverband kommentieren.

Analysiert man die Geschichte der Strukturen der Archäologie in Deutschland, dann entstanden zunächst die Museen, dann etwa zeitgleich die staatlichen Denkmalpflegen und Universitäten sowie die außeruniversitären Forschungseinrichtungen und zuletzt die Firmenarchäologie. Insbesondere die bereits länger etablierten staatlichen Strukturen haben ein Interesse, ihre Arbeit zu koordinieren. Hierfür wurden Gremien und Verbände gegründet. Dem gegenüber steht das jüngere Phänomen der archäologischen Fachfirmen. Deren Arbeitsumfeld ist durch hohe Spezialisierung, Wettbewerb und sehr knappe Ressourcen geprägt. Dieser Bereich hat, das zeigen die Debatten im Forum, in seiner eigenen Wahrnehmung noch keine gemeinsame Interessenvertretung gefunden.

Allen Akteuren ist gemeinsam, dass ihr persönlicher Weg in die Archäologie auch stark vom Wunsch einer Selbstverwirklichung als Forschende getragen wird. Hier gehören die “Selbstaufgabe” bis zur “Selbstverleugnung” nicht selten zum (kulturhistorisch fest verankerten) Arbeitsethos und das Ziel, „Denkmäler retten zu wollen“, zum individuellen Selbstverständnis.

Arbeitsfelder für Archäologen: nur Amtsarchäologie, Museen und Firmen?
Die Frage, die sich mir stellt, ist die, ob es in der Archäologie tatsächlich nur die “Grabungsleute” in Firmen oder in prekären Beschäftigungsverhältnissen gibt, die der Gruppe der Arrivierten gegenüber stehen. Aus meiner Sicht gibt es sehr viel mehr Interessengruppen. Neben den bereits genannten Arbeitsfeldern gibt es die für die Archäologie tätigen freiberuflichen Redakteure, Illustratoren, Projektmanager usw. (sog. Freelancer). Diesen individuellen Nischen stehen weitere Berufsfelder gegenüber, die vielen Archäologen verstellt bleiben, weil sie weder von deren Existenz wissen noch dafür persönlich oder fachlich qualifiziert sind. Ich denke dabei z.B. an den immer wichtiger werdenden Bereich der Raum- und Bauleitplanung. Derzeit werden hier fachlich-archäologische Inhalte noch allzu häufig von (Landschafts-)Planern wahrgenommen. Tatsächlich könnten hier qualifizierte Archäologen genauso, wenn nicht sogar besser eingesetzt werden. Ihre Aufgaben reichen von Denkmalinwertsetzung bis hin zu den relevanten Inhalten der Umweltverträglichkeitsstudien. Im Hintergrund erfordert diese Tätigkeit neben Managementqualitäten auch die nötigen denkmalpflegerischen und verwaltungsrechtlichen Grundkenntnisse.

Problem: universitäre Ausbildung
Hier wird m. E. ein wichtiges Problem erkennbar. So lange Universitäten nur “ForscherInnen” ausbilden, die sehr weitgehend z. B. die denkmalpflegerische Praxis mit ihren Arbeitsebenen Verwaltung, Denkmalschutz, Raumplanung, Feldarchäologie, die verschiedenen Arbeitsfelder bestehend aus Landes-, Bezirks-, Kreis-, Kommunalarchäologien und anderen Einrichtungen wie Körperschaften öffentlichen Rechts und auch die Firmenarchäologie gar nicht kennen, oder die nur diffuse Vorstellungen von dem dort zu bewältigenden Arbeitsalltag und den vorherrschenden Rahmenbedingungen haben, so lange benötigt man – um das in aller Deutlichkeit zu sagen – auch nur eine Interessenvertretung für den Bereich der Forschung. Diese gibt es bereits z. B. in Form der verschiedenen Altertumsverbände und ihrer Strukturen wie etwa den diversen Arbeitsgemeinschaften. Die Altertumsverbände befassen sich allerding vor allem mit fachlichen Inhalten und haben weniger den Arbeitsalltag im Blick.
Hinsichtlich des jeweiligen Arbeitsverhältnisses ist darüber hinaus festzustellen, dass die staatlichen Denkmalpflegen als Teil des öffentlichen Dienstes bereits über die Personalvertretung in derlei Strukturen eingebunden sind. Firmen müssen ab einer bestimmten Größe Betriebsräte einrichten. Hier kann man möglicherweise die Umsetzung kritisieren, aber letztlich ist jeder Mitarbeiter eigenverantwortlich. Daher habe ich z. B. aus derlei persönlichen Gründen meine erste feste Stelle bei einer Grabungsfirma aufgegeben. Das Prinzip Eigenverantwortung gilt mit Blick auf die sog. Firmenarchäologie auch für das unternehmerische Risiko.

Im Kern: die staatliche Bodendenkmalpflege
Vielleicht sollten sich alle Akteure ihre spezifischen Rollen vergegenwärtigen, da alle genannten Arbeitsfelder ‒ einschließlich des die staatlichen Strukturen ergänzenden Ehrenamtes ‒ letztlich an der Verwirklichung und Umsetzung der landesarchäologischen Inhalte mitarbeiten. Die Universitäten entwickeln neue Themen und Inhalte, die Museen forschen und vermitteln, die unterschiedlichen Akteure der Landesarchäologien organisieren die Quellenerschließung und -sicherung. So tragen alle – im Idealfall – zur guten Sache bei. Die andere Wahrheit ist, dass dieser organisatorische Rahmen mit vielen Einschränkungen verbunden ist, was gemeinhin als Mängelverwaltung wahrgenommen wird.

Ausbildung und Arbeit am ALSH

Das ALSH (Archäologisches Landesamt Schleswig-Holstein) setzt angesichts des bestehenden Arbeitsrahmens auf verschiedene “Pferde”. Wir informieren die Studierenden an den Universitäten in Kiel und Hamburg. Wir bieten den Studierenden Praktika an. Wir qualifizieren Mitarbeiter mit befristeten Arbeitsverhältnissen, indem wir sie in den unterschiedlichen Arbeitsbereichen von der Feldarbeit bis zum Denkmalpflegemanagement einsetzen. Dabei vollzieht sich dieser Prozess in dem Bewusstsein, dass sich über die Projektarbeit auch feste Arbeitsverhältnisse bei Dritten ergeben können. Das Amt geht dieses Risiko bewusst ein und erbringt eine beträchtliche Vorleistung, da es dabei im Grunde erheblich mehr Mitarbeiter qualifiziert, als es angesichts des allzu knappen Stellenplans auch dauerhaft wird beschäftigen können.

Die Amtsleitung führt und verantwortet ‒ auf Augenhöhe und in Abstimmung mit der Personalvertretung ‒ die alltägliche Arbeit sowie die Weiterentwicklung der Arbeitsfelder. Dies ist in Bezug auf die Mitarbeiter kein völlig demokratischer Prozess, denn der Arbeitsalltag wird durch zahlreiche Regelungen (z. B. Verwaltungsrecht, Baurecht, Teilzeit- und Befristungsgesetz, Denkmalschutzgesetz) bestimmt und ist laut Denkmalschutzgesetz “Dienst nach Weisung”. Das bedeutet allerdings auch, dass die Amtsleitung wiederum der ministeriellen Fach- und Dienstaufsicht unterstellt und weisungsgebunden ist.

Vor dem Hintergrund der konkreten rechtlichen Rahmenbedingungen ‒ die nebenbei gesagt auch für Museen, Universitäten, Firmen, Stiftungen, Körperschaften des öffentlichen Rechts usw. gelten ‒ erscheint mir die Forderung nach “Gegenmachtstrukturen” für den öffentlichen Dienst ein Verkennen der rechtstaatlichen Strukturen darzustellen. Viele der “Arrivierten” haben viele dieser Inhalte im Verlauf ihres persönlichen Curriculums lernen müssen. Mir scheint die Regel zu gelten: je besser einer mit den Strukturen umgehen kann, desto besser kann er sich darin verwirklichen. Was sind nun die Spielregeln? Als Arbeitgeber suche ich mir die geeignetsten Kandidatinnen/Kandidaten aus. Als staatliche Denkmalpflege habe ich im Rahmen meiner (um das unmoderne Wort zu benutzen) Dienstpflichten die rechtlichen Rahmenbedingungen einzuhalten. Um die jeweilige berufliche Praxis an sich ändernde wirtschaftliche, politische oder gesellschaftliche Rahmenbedingungen anzupassen, haben die Landesarchäologien beispielsweise mit dem Verband der Landesarchäologen oder in der Kultusministerkonferenz und vielen anderen Gremien ihre Interessensvertretung in fachlicher Hinsicht. In dienstrechtlicher Hinsicht gibt es den Bereich der Personalvertretung (s. o.).

Warum brauchen wir aber einen Berufsverband?
Da die Wirklichkeit immer sehr viel bunter ist als die Theorie und weil das Fach von vielen inhaltlich unbestimmten Strukturen und den sie ausfüllenden Interessen getragen wird, benötigt es neben der fachlichen auch für die organisatorische Qualitätssicherung Bezugsysteme. Den Hintergrund für beide bilden sich immer schneller ausdifferenzierender Strukturen, Methoden und Werkzeuge. Während die fachliche Ebene hier zumeist im Fokus steht, findet eine Diskussion der die fachlichen Entscheidungen tragenden Normen und Werte weniger statt. Ein auf diese dynamische Entwicklung abgestimmtes, gemeinsames Bezugssystem ist umso nötiger, als dass – das ist zumindest meine persönliche Berufserfahrung – gerade die etablierten Kollegen in den Denkmalbehörden nicht nur eine fachliche Verantwortung haben, sondern gerade mit Blick auf unter Umständen vorhandene Missstände, die sich durch persönliche Abhängigkeiten ergeben, sich einer ethische Selbstverpflichtung stellen sollten. Im Rahmen einer nur das Fachliche betreffenden denkmalrechtlichen Kontrolle erscheint es gleichermaßen möglich, im Rahmen von Amtshilfe die jeweils zuständigen Stellen (z. B. Gewerbeaufsichtsamt) einzubinden, um gegebenenfalls Missstände zu beheben. Konkrete Bezüge wären hierfür Qualitätsstandards, die Einhaltung von Sicherheitsbestimmungen und transparente Wettbewerbsverfahren bei Ausschreibungen. Ein anderes wichtiges Werkzeug wäre die Beteiligung der zuständigen Stellen bei der Überprüfung von Arbeitssicherheit, Mindestlöhnen usw. Ein Berufsverband könnte diesen Bezugsrahmen bieten.

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Re: Warum ist mir die Debatte um einen Berufsverband wichtig, warum beteilige ich mich aktiv an ihr?

Beitragvon Patricia » Fr 7. Apr 2017, 16:55

Warum ich mich beteilige?

Wenn man solche Schlagzeilen liest, ist klar, wie wichtig ein gemeinsames Auftreten nach außen ist!

http://www.waz.de/staedte/altkreis-bril ... 18343.html
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Re: Warum ist mir die Debatte um einen Berufsverband wichtig, warum beteilige ich mich aktiv an ihr?

Beitragvon Sascha Piffko » Fr 7. Apr 2017, 23:04

Und professionelles Auftreten.
Forschung und Denkmalschutz darf nicht zu Lasten der Forscher und Denkmalschützer gehen.
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Re: Warum ist mir die Debatte um einen Berufsverband wichtig, warum beteilige ich mich aktiv an ihr?

Beitragvon Jutta » Sa 8. Apr 2017, 15:29

Grundsätzlich ist es wichtig, dass Archäologen sich stärker positionieren: Zum einen in der Öffentlichkeit, aber auch fachintern, z. B. für bessere Arbeitsbedingungen. Ich sehe im Augenblick sehr viele stark verkrustete Strukturen, die das verhindern. Es bedarf mehr Mut unter den Archäologen und Archäologinnen, vor allem bei denen ohne Festanstellung. Ein Berufsverband ist sicher der Schritt in die richtige Richtung. Deshalb schreibe und lese ich hier mit.

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Re: Warum ist mir die Debatte um einen Berufsverband wichtig, warum beteilige ich mich aktiv an ihr?

Beitragvon Bernd Schulz » So 9. Apr 2017, 12:50

Ich bin seit Jahren in privaten Grabungsfirmen als Grabungstechniker und Leiter tätig. Die Bedingungen die ich erlebe, sind prekär, worunter wir als Mitarbeiter leiden. Wobei ich mich noch relativ glücklich schätzen kann, kein studentischer Helfer oder Dauerpraktikant zu sein. Für einen Beruf, der eigentlich ein mehrjähriges Studium voraussetzt, ist die Bezahlung viel zu schlecht. Ich kenne Grabungsfirmen, in denen Archäologen für Mindestlohn arbeiten, wobei die Zustände vor Einführung desselben noch schlechter waren, v.a. für Ungelernte, Praktikanten u.a. Dass sich das auch auf die geleistete Arbeit auswirkt, kann man sich vorstellen, zumal auch eine Arbeitsüberlastung präsent ist. Archäologie darf kein Armutsgarant sein, wir haben einen fairen Lohn verdient, und sollten nicht wehrlos einem Privatmarkt ausgesetzt sein. Eine gewerkschaftliche Vertretung ist dringend nötig.

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Re: Warum ist mir die Debatte um einen Berufsverband wichtig, warum beteilige ich mich aktiv an ihr?

Beitragvon falknaeth » So 9. Apr 2017, 19:48

Wenn ich gefragt werde, warum ich mich für einen Berufsverband einsetze, kann ich mit Fug und Recht behaupten: ich tue das, weil ich so ziemlich die gesamte "wunderbare bunte Vielfalt der archäologischen Arbeitswelt" kennengelernt habe.
Ich habe schon als Student als Grabungstechniker für einen Verein gearbeitet und als Magistrant freiberuflich Ausstellungen an einem Landesmuseum gestaltet und aufgebaut. Ich habe ebenso museumspädogische Einheiten im Museum, wie auch im Rahmen von Erlebnispädagogik in der Jugendpflege angeboten und durchgeführt. Ich war Freiberufler ohne Netz und doppeltem Boden, der sich mit Spaten und Schaufel und einem alten russischen Theodolithen an den Meistbietenden verkauft hat. Ich habe "beim Amt" mit 1€-Kräften, per Werkvertrag mit Ehrenamtlichen und freiberuflich auf Rechnung im Rahmen von Jugendworkshops Grabungen durchgeführt. Ich weiß genau, wie es ist, auf einer Wintergrabung mit angehender Lungenentzündung zu stehen und sich zu sagen, das muss so sein, um Geld zu verdienen. Aber ich weiß auch wieviel Kraft und Toleranz dieser Job der eigenen Familie abfordert - und das oft von dort die vernünftigsten Ratschläge und die nötige Unterstützung für all die schwierigen Entscheidungen herrühren, die man zu treffen hat. Und eine der schwierigsten - und besten - Entscheidungen war für mich, den Vorschlag eines Vermessungstechnikers, den ich erst kurz zuvor kennengelernt und kaum gekannt habe, anzunehmen und gemeinsam eine Grabungsfirma zu gründen.

Da wir beide unsere Erfahrungen gemacht haben, haben wir die Prioritäten und Ziele von vorn herein abgesteckt: Wir wollten eine FIRMA, mit echtem Betriebssitz und möglichst unbefristeten Arbeitsplätzen schaffen - wir wollten uns NICHT als Akademiker oder Techniker selbst verwirklichen oder "Hauptsache in der Archäologie" arbeiten. Und wir wollten Strukturen aufbauen, die möglichst nachhaltig wirken.

Mittlerweile haben wir, denke ich, einen Gutteil dieser Wegstrecke geschafft, unbefristete (und durchgängig bezahlte) Arbeitsplätze geschaffen, inklusive Teilzeitarbeitsplatz für eine Alleinerziehende und Innendienstalternative für eine Grabungstechnikerin, die sich im Laufe der Jahre auf dem Feld die Knie ruiniert hat. Wir versuchen, eine Gleichberechtigung im Leitungspersonal aufrechtzuerhalten (was im Moment zu einem höheren Frauenanteil geführt hat) und berücksichtigen bei Einstellung und Ausbildung (Vermessungstechniker) des Personals die "regionale Migrantenquote", wie es so schön formuliert wird.

Jetzt könnte man sagen: Toll, sieht doch gut aus! Ist es auch - meistens... tagsüber: Nachts wacht man dann zuweilen schweißgebadet auf, macht sich Sorgen um die Mitarbeiter, Familie, sich selbst und fragt sich, warum man nicht "was Ordentliches" gelernt hat. Denn so weit man auch gehen kann, irgendwann stößt man an eine Grenze, die man nicht mehr durch eigene Arbeit, Disziplin und Strukturierung, durch Qualitätsmanagement, Liquiditäts- und Rentabilitätsplanung, durch FuE-Projekte und Fortbildung der Mitarbeiter, durch "Aufklärungsarbeit" beim Kunden und durch Dialoge mit Denkmalbehörden und Mitbewerber aus eigener Kraft überwinden kann.

Und darum bin ich dabei und beteilige mich, weil ich auf Solidarität hoffe und weil ich noch nicht am Ende der Möglichkeiten angekommen bin, aber alleine nicht weiter komme, sondern die Hilfe derer brauche, die durch ihre Arbeit, ihr Verhalten und ihre Entscheidungen die Zukunft der Archäologie als Beruf genauso mit gestalten wie ich.
"Größtmöglicher Erfolg oder eine vernünftige Alternative!" (Hägar der Schreckliche)

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Re: Warum ist mir die Debatte um einen Berufsverband wichtig, warum beteilige ich mich aktiv an ihr?

Beitragvon Jasmin Peschke » Mo 10. Apr 2017, 11:18

Persönlich wünsche ich mir, meine Berufswahl nicht zu bereuen. Ich habe drei archäologische Fächer studiert, viel ehrenamtlich und unendgeltlich gearbeitet und möchte nicht gezwungen sein doch noch umzusatteln, um meine Familie mit Hilfe eines Studienabschlusses angemessen ernähren zu können und Anerkennung für einen gesellschaftlich und kulturell relevanten Beruf zu erhalten.
Momentan arbeite ich Teilzeit aufgrund meiner beiden kleinen Kinder mit Finanzierung an meiner Promotion und ich kann jeden Tag sagen, dass ich gerne arbeite! Ich halte unsere Arbeit, die wir Archäologen leisten - und durch dieses Forum habe ich dankenswerterweise sehr viele unterschiedliche Einblicke in diverse Arbeitsalltage erhalten - für gesellschaftlich wichtig, für identitäts- und demokratiestiftend, für bildungsfördernd und horizonterweiternd. Außerdem gibt es eine unglaublich breite Masse vom Opa bis zum Säugling, die unsere Arbeit überaus interessant findet und sich mit uns begeistert. Es hapert also weder an unserer Einstellung, noch an dem Einzelinteresse unserer Mitbürger.
Meines Erachtens liegt die Möglichkeit zur Veränderung hin zu einem anerkannten und gut bezahlten Beruf in einer Verstärkung des beruflichen Selbstbewusstseins und einer Etablierung geeigneter Organisationsstrukturen, die Außenwirkung und Sendungsbewusstsein archäologischer Arbeit verstärken können. Dieses Forum bietet dafür die Möglichkeit viele Meinungen zu sammeln und bedeutet einen Schritt in Richtung Veränderung.
Ich möchte dabei sein und mitwirken, wenn sich die Möglichkeit zur Verbesserung und Veränderung bietet, weil ich meinen Beruf und meine Familie liebe!
Und ich bin sehr sehr gespannt und neugierig, was wir bewirken können!

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Re: Warum ist mir die Debatte um einen Berufsverband wichtig, warum beteilige ich mich aktiv an ihr?

Beitragvon Patricia » Di 11. Apr 2017, 11:17

Frau Peschke - bravo. Genau so ist es.
Als ich mich im letzten Jahr entschlossen habe umzusatteln - hin zur Archäologie - gab es nicht eine einzige Person, die meinte, dass das Fach langweilig/uninteressant sei. Im Gegenteil...alle beglückwünschten mich mit "Oh, das hätte ich auch gern gemacht!" oder "Mensch, das find ich auch so toll!".

Aber nicht ein einziger sagte "Glückwunsch, tolle Wahl." Sondern "Was willst du dann später machen? Taxi fahren?" oder ähnliches...

Es besteht ein hohes Interesse an dem, was wir tun. Viele Menschen freuen sich über die Ausstellungen in Museen etc. Ausgrabungen/Ergebnisse sind ein Magnet für Besucher...nur bezahlen will keiner dafür.


Interessantes Erlebnis in diesem Zusammenhang: eine Freundin meinte sogar, dass der Staat Archäologen bezahlen sollte - immerhin arbeiten wir fürs Allgemeinwohl. So kritisch diese Aussage zu betrachten ist (Politik nutzt A. für Ihre Zwecke aus), so spannend halte ich aber auch die Idee. Gerade das "Verursacherprinzip" hat bei meinen Gesprächen für Aufregung gesorgt. Es ist wie immer...alles toll - solange es mich nicht selbst betrifft. An diesem Verständnis möchte ich gern aktiv arbeiten, um nicht noch mehr unbekannte Denkmäler zu verlieren, nur weil die Bauherren kein Geld bezahlen wollen.

Da ist noch so viel im Erdboden, von dem wir keine Ahnung haben!
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Re: Warum ist mir die Debatte um einen Berufsverband wichtig, warum beteilige ich mich aktiv an ihr?

Beitragvon Sascha Piffko » Di 11. Apr 2017, 21:23

Lieber Falk Naeth,

vielen, vielen Dank für deinen letzten Post!
Du schreibst mir aus dem Herzen und es freut mich dass es noch andere gibt, die mit aus dem gleichen Antrieb heraus arbeiten und die nächtlichen Sorgen teilen.

Und ich freue mich, dass sich hier im Forum noch andere zeigen, die ähnlich denken und agieren. Nicht nur von den Grabungsfirmen, sondern auch aus Ämtern und Museen.

Umso zorniger machen mich die Abzocker und Absahner, die aus Gier, Dummheit oder krankhaftem Geltungsbedürfnis unseren Beruf ruinieren. Und anderen Archäologen Schaden zufügen. Bisher wurde diesen schwarzen Schafen keine Grenze gesetzt. Niemand wies darauf hin wenn ungesetztlich gehandelt wurde, niemand bremste wenn gegen ethische Grundsätze verstoßen wurde und niemand lobte, wenn man alles richtig machte.
Die bestehenden Verbände schwiegen meist, warum auch immer. Die Landesämter zuckten mit den Schultern, da der Markt frei sei. Und die Masse der Archäologen schwieg (und schweigt immer noch) aus Angst um die eigene Existenz, nur um irgendwann zu merken, dass auch das Schweigen und Mitmachen keine Existenz begründete.

Deswegen brauchen wir den Verband, eine Institution, die bereit ist zuzuhören und auch den Mund aufzumachen. Eine Anlaufstelle für die Mehrheit der Archäologen, die von ihrer Arbeit leben will, die ihre Arbeit gerne verrichten und gut verrichten wollen.
Forschung und Denkmalschutz darf nicht zu Lasten der Forscher und Denkmalschützer gehen.
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