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4. Welchen Nutzen haben Archäologie-Kunden wie Planer, Investoren, Politiker, u.a. von einem arch. Berufsverband?

Nimmt ein Berufsverband Individuen oder Firmen auf, wie funktioniert seine Qualitätssicherung und wie sollen regionale Eigenheiten reflektiert werden? Sind Studierende und Berufsanfänger ebenso Teil eines Berufsverbandes und welche Parteien, die nicht Teil des Verbandes werden, müssen gleichwohl berücksichtigt werden?
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Lisa Deutscher
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4. Welchen Nutzen haben Archäologie-Kunden wie Planer, Investoren, Politiker, u.a. von einem arch. Berufsverband?

Beitragvon Lisa Deutscher » So 2. Apr 2017, 20:20

In diesem Bereich soll die Außensicht auf einen angedachten archäologischen Berufsverband versucht werden. Welchen Nutzen haben „Kunden“ der Archäologie, seien es Bauträger, Politiker oder Museumsbesucher davon, wenn sich ArchäologInnen zu einem Verband zusammenschließen und sich Selbstverpflichtungen und Qualitätskriterien auferlegen? Diese Frage mag zunächst nebensächlich oder zweitrangig erscheinen, ist jedoch bei näherer Betrachtung für einen nachhaltigen Erfolg des Projekts unumgänglich. Denn welchen Sinn hat ein Berufsverband, wenn es nachher z.B. Bauträger nicht interessiert, ob Grabungsfirma XY im Berufsverband ist?

Die Aufgabe ist also, die typischen „Kunden“ der Archäologie zu identifizieren und aufzuzeigen, welche Befürchtungen, Sorgen und Ärgernisse sie beim Kontakt mit Archäologinnen und Archäologen üblicherweise haben. Möglicherweise gelingt es sogar darzulegen, wie sie davon profitieren, wenn es einen Berufsverband gibt. Doch zunächst einmal ist es auch ohne unmittelbare „Lösung“ sehr hilfreich, die Probleme der „Kunden“ überhaupt zu identifizieren und sich bewusst zu machen. Die Sammlung der Probleme und ggf. erster Lösungsansätze soll als Ideenpool dafür dienen, was bei der Gestaltung eines Berufsverbandes für ArchäologInnen mitbedacht werden muss, um auch außerhalb auf Gegenliebe zu stoßen.

Zur Debatte aufgerufen sind alle, die bereits konkreten Kontakt mit „Kunden“ hatten und aus Erfahrung berichten können, wo es öfter knirscht. Spekulationen helfen hier nur begrenzt weiter. Damit sind jedoch nicht nur VertreterInnen von Denkmalpflege und Grabungsfirmen gemeint, wo der Kontakt vielleicht am offensichtlichsten ist. Auch Beschäftigte in Museen kommen täglich mit „Kunden“ in Berührung, die von den Garantien, für die ein Berufsverband stünde, profitieren können; neben den Besuchern denken wir dabei auch an Personen in der Verwaltung. Ideal wäre es natürlich, wenn sich bisher „nur“ mitlesende Kunden hier direkt selbst äußern würden.

Ein erstes Beispiel, das gerne im Verlauf dieses Themas weiter diskutiert und verfeinert werden kann: Ein „Bauträger“ im Kontakt mit der Denkmalbehörde und Grabungsfirmen.

Häufige Sorgen & Probleme, die Bauträger mit ArchäologInnen haben:
  • Archäologie bedeutet Baustopp und teure Verzögerungen
  • Gefühlte Intransparenz, warum an einer Stelle eine Ausgrabung beauflagt wird und z.B. am Nachbargrundstück nicht
  • Angst vor unerwarteten Zusatzkosten durch Zufallsfunde auf der ursprünglich nicht beauflagten Baustelle und nachträgliches Einschreiten der Denkmalbehörden mit Baustopp
  • Schlechte Erfahrungen: Unplanbare Mehrkosten, die entstehen, wenn in der letzten Grabungswoche noch ein Hammer-Fund rauskommt
  • verwirrend unterschiedliche Angebote diverser privater Grabungsfirmen, darin Fachbegriffe, die man nicht versteht, wo die Wahl des besten Angebots schwer fällt, denn man weiß ja: das Billigste ist nicht unbedingt das Beste
Lösungsansätze: weshalb die Existenz eines Berufsverbands für Bauträger von Vorteil ist:
  • Qualitätssicherung im umfassenden Sinne: fachlich, aber auch im Geschäftsgebaren u.a., führt zu Effizienz und Verlässlichkeit der Grabungsfirmen, Überraschungen werden seltener.
  • Eine Liste der Mitglieder des Berufsverbands gibt dem Bauträger eine schnelle und transparente Übersicht über potenzielle Auftragnehmer.
  • Eine durch den Berufsverband geförderte Transparenz und offene Kommunikation auch behördlicher Entscheidungsgrundlagen mindert Missverständnisse und Unmut.

Wir bitten alle Beitragenden, diese Debatte auf die Parteien außerhalb des Berufsverbandes beschränken! Welche Interessen Archäologen und Archäologinnen unterschiedlichster Couleur an der Mitgliedschaft in einem Berufsverband haben und wie diese erfüllt werden können, wird an anderer Stelle debattiert (z.B. III.1, III.2, IV.1)

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Re: 4. Welchen Nutzen haben Archäologie-Kunden wie Planer, Investoren, Politiker, u.a. von einem arch. Berufsverband?

Beitragvon raykarl » Mo 3. Apr 2017, 11:24

Hi,
Wir bitten alle Beitragenden, diese Debatte auf die Parteien außerhalb des Berufsverbandes beschränken! Welche Interessen Archäologen und Archäologinnen unterschiedlichster Couleur an der Mitgliedschaft in einem Berufsverband haben und wie diese erfüllt werden können, wird an anderer Stelle debattiert (z.B. III.1, III.2, IV.1)
Danke. Ich möchte nur ergänzen, dass auch Studierende 'KundInnen' der Archäologie sind, natürlich insbesondere in Ländern, in denen Studiengebühren zu berappen sind (die, wie in dem Land, in dem ich hauptsächlich arbeite, durchaus heftig sein können), aber auch in solchen, in denen das nicht der Fall ist; und zwar auch, wenn sie schon einen Studienabschluss haben und z.B. ihren MA oder PhD machen. Die können wir zwar gerne auch in eigenen Sektionen diskutieren, aber meiner Meinung nach haben Studierende - und zwar egal ob sie jetzt ihrer Uni (oder sonstigen Ausbildungsstätte) was dafür zahlen oder nicht - genau denselben Anspruch auf Qualitätssicherung und entsprechende Leistung gegenüber ihrer Ausbildungsstätte, wie sie z.B. ein Bauunternehmer gegenüber einer Grabungsfirma hat. Weil selbst wenn Sie nichts zahlen müssen: sie investieren ja dennoch nicht wenig Zeit (und damit mittelbar auch auf jeden Fall nicht wenig Geld) in ihre Ausbildung (auch wenn ihr Geld vielleicht nicht direkt, sondern nur über Umwege an ihre Ausbildungsstätte fließt) und müssen daher auch erwarten können, dass sie eine entsprechende Gegenleistung für ihre Investition bekommen.

So gesehen: selbst wenn wir Studierende in einer anderen Sektion diskutieren wollen, sollten wir sie dennoch auch nicht in der Kategorie 'Kunden' ganz vergessen. Da kann es schon reichen, dass ich diesen Einwurf gemacht habe, es kann aber durchaus auch mehr Diskussion erfordern...

Liebe Grüße,

Ray
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Re: 4. Welchen Nutzen haben Archäologie-Kunden wie Planer, Investoren, Politiker, u.a. von einem arch. Berufsverband?

Beitragvon Frank Siegmund » Di 4. Apr 2017, 19:35

Das Argument von Raimund Karl leuchtet ein - aber die Debatte hier sollte ja diejenigen beleuchten, die ein Interesse am BV hätten, aber selbst strukturell nicht Mitglied werden würden. Insofern wäre "der Student" ein Wechselwesen, weil erst einmal - ganz im Sinne der Argumentation R. Karl - draussen und insofern wie Kunde / Investor etc., später aber dann ev. doch Mitglied, oder? - siehe Debatte IV.1 https://www.tagungsforum.dguf.de/viewto ... f=36&t=115 Insofern fände ich es gut, wenn wir die Studierendenfrage primär in IV.1 klären könnten. Bitte nicht als Ordnungsruf verstehen, aber ich fürchte, entlang der Studierenden verheddern wir uns hier.

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Re: 4. Welchen Nutzen haben Archäologie-Kunden wie Planer, Investoren, Politiker, u.a. von einem arch. Berufsverband?

Beitragvon Sascha Piffko » Fr 7. Apr 2017, 22:45

Ein Beispiel aus der Praxis:

Eine Kommune hat (wie vorgeschrieben) den billigsten Anbieter gewählt, da Unkenntnis über die archäologische Arbeitswelt besteht.

Ergebnis: Bereits im Anfangsstadium scheitert die Kalkulation, die Firma muss das Handtuch werfen. Die Kommune lernt daraus: Archäologen sind Stümper, Fachfirmen taugen nix.

Die Archäologie in der Gesamtheit erleidet Schaden.

Die Firma ist in Fachkreisen für Stümperei bekannt und hätte schon lange jedes Prädikat verloren. Hier kann eine Zertifizierung als Qualitätsmerkmal eine gewisse Sicherheit bieten.
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Re: 4. Welchen Nutzen haben Archäologie-Kunden wie Planer, Investoren, Politiker, u.a. von einem arch. Berufsverband?

Beitragvon Michaela Schauer » Sa 8. Apr 2017, 19:48

Mich beschäftigt noch ein weiterer Gedanke, der mit Saschas Thema 'Rufschädigung der Archäologie' im Zusammenhang steht: Aktuell ist quasi die einzige 'Stelle' an die sich jemand der ein Problem mit der Archäologie hat wenden kann, die im Sinne des sich Beschwerenden handelt, die Öffentlichkeit (Schließlich gelten Landesämter als Teil der Archäologie und diese würde sich in Augen der Öffentlichkeit nicht gegen sich selbst richten, ergo hätte eine Beschwerde hier in den Augen der Öffentlichkeit keinen Sinn). Alles was schief läuft oder auch nur möglicherweise schief läuft, z.B. weil sich ein Außenstehender nicht mit den Gepflogenheiten (Regeln, Gesetzen etc.) der Archäologie auskennt, wird sofort direkt an die Öffentlichkeit getragen, was man auch z.B. an dem Beitrag von Patricia sieht (https://www.tagungsforum.dguf.de/viewto ... =118#p1243). Und das bedeutet, dass
Die Archäologie in der Gesamtheit [...] Schaden [erleidet].

ohne, dass man als Archäologe eine Chance hat, das abzufangen oder sinnvoll auf diese Vorwürfe zu reagieren. Auch die Landesämter, so sie denn informiert wurden, sind hier meines Wissens nach machtlos.

Wenn allerdings ein Berufsverband (der sich auf die Fahne 'Zerberus der Archäologie und Archäologen' geschrieben hat) als offizielle 'Beschwerdestelle' der Archäologie zur Verfügung steht, wäre es doch möglich, dass sich jemand, der Probleme mit der Archäologie hat (auf welche Art auch immer) zunächst dort hin wendet. Damit könnte der Berufsverband auch an dieser Stelle eingreifen und erklärend bzw. vermittelnd wirken und so dabei helfen, die positive Öffentlichkeitsarbeit, die die Archäologie im Moment dringend braucht, mit zu formen und voran bringen. Außerdem hätte eine Stellungnahme von diesem Berufsverband, der offiziell für 'alle Archäologen' gelten soll möglicherweise ein gewisses Gewicht, auch in den Augen der Öffentlichkeit.

Sollte ich damit etwas aufgreifen, dass schon im Aufgabenbereich der existierenden Verbände liegt, bitte klärt mich auf :D

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Re: 4. Welchen Nutzen haben Archäologie-Kunden wie Planer, Investoren, Politiker, u.a. von einem arch. Berufsverband?

Beitragvon MaryJane » Di 11. Apr 2017, 07:58

In der Debatte um faire Löhne und Angebotspreise findet sich folgendes Statement einer "Amtsarchäologin":
Ich bin der festen Hoffnung, dass sich bessere (um das Wort höhere zu vermeiden) Kosten durchsetzen lassen, sofern sie mit festgelegten und verbindlichen Qualitätsstandards verknüpft sind.
Grundsätzlich haben Kunden dann einen Nutzen von einem Berufsverband, wenn er ihnen eine verlässliche Qualität garantiert. Also der, wie meine VorrednerInnen schon ausgeführt haben: im Vorfeld entscheiden hilft, welche Auftragnehmer überhaupt geeignet sind, und im Verlauf oder Nachhinein als Beschwerde- oder Vermittlungsstelle zur Verfügung steht, falls es in den Augen des Auftraggebers mit der Qualität nicht geklappt hat.

Je nach Auftraggeber werden es aber sehr unterschiedliche Ebenen der Qualität sein, die hier interessant sind.
Handelt es sich um einen "öffentlichen" Auftraggeber, vertreten durch engagierte "Amtsarchäologen", so wird die Sicherung der archäologisch-fachliche Qualität der Arbeit eine wichtige Rolle spielen. Bei diesen Kunden könnte möglicherweise auch die Qualität im Sinne der sozialen Gerechtigkeit ("fair"-Siegel o.ä.) Bedeutung erlangen, wenn die sozialen Inhalte entsprechend transportiert und nachprüfbar werden - insbesondere, wenn es nach geltendem Recht eigentlich um Mindeststandards geht (Mindestlohn, Arbeitssicherheit, irgendwann haben wir vielleicht mal Tariflöhne...).
Anders sieht es bei Privatkunden aus (und bei "öffentlichen" Kunden vertreten durch Menschen, denen die Archäologie weniger am Herzen liegt). Hier ein Interesse an archäologisch-fachlichen oder sozialen Qualitätskriterien nicht vorauszusetzen, auch wenn eine gute Öffentlichkeitsarbeit da manches bewirken mag. Dieser Kundenkreis könnte aber von einer höheren Qualität in Sachen Planbarkeit und Verlässlichkeit profitieren. Heißt z.B. Für die Feldarchäologie: Mein Auftragnehmer macht nicht mittendrin pleite, die Grabung dauert nicht länger als angekündigt - und wenn doch, gibt es einen guten Grund, der möglichst rechtzeitig und nachvollziehbar kommuniziert wird - und die Rechnung hat mit dem Angebot nicht nur am Rande etwas zu tun. Die Archäologen werden also seriöse Geschäftspartner, die eine Dienstleistung bieten, die ich zwar nicht haben wollte, mit der ich aber immerhin rechnen, die ich einschätzen und irgendwie auch kontrollieren (lassen, über den BV) kann.
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Re: 4. Welchen Nutzen haben Archäologie-Kunden wie Planer, Investoren, Politiker, u.a. von einem arch. Berufsverband?

Beitragvon raykarl » Di 11. Apr 2017, 09:06

Hi,
... Dieser Kundenkreis könnte aber von einer höheren Qualität in Sachen Planbarkeit und Verlässlichkeit profitieren. ...
Ja, Planbarkeit und Verlässlichkeit sind die Schlüsselbegriffe für 'Privatkunden', insbesondere die Baufirmen selbst, die Banken, die die Baufirmen finanzieren, und die Versicherungen, die Bauvorhaben gegen Schadensfälle versichern. Hier sollte man dann aber auch frühzeitig versuchen, die entsprechenden Voraussetzungen zu schaffen. Wie gesagt, in Österreich wird gerade an einer ÖNorm zur Abschätzung der Risiken im Boden von Liegenschaften gearbeitet, die einen Prozessablauf definieren soll, wie schon vor Beginn des eigentlichen Bauvorhabens vorgegangen werden sollte, um das Risiko von Bauverzögerungen, Zusatzkosten etc. durch Bodenrisiken (zu denen archäologische Störungen gehören) möglichst zu minimieren und damit generell die Planbarkeit von Bauvorhaben zu erhöhen. Ein BV könnte also ebenfalls frühzeitig darauf hinarbeiten, dass etwas ähnliches auch in DE als DIN geschaffen wird, damit eben auch die Voraussetzungen für Planbarkeit von Bauvorhaben im Kontext archäologischer Bodenstörungen geschaffen werden. Frei nach dem Prinzip: je weiter die Erkundung von archäologischen Bodenrisiken im Planungsprozess 'nach vorne' verschoben wird (z.B. schon ins Flächenwidmungsverfahren), desto geringer das Risiko, dass es zu Folgeschäden durch unerwartete archäologische Entdeckungen kommt. Alle können genauer kalkulieren, auch die archäologischen Dienstleister, was wiederum auch die Verlässlichkeit 'seriöser' archäologischer Anbieter erhöht. Und für die Archäologie ist es auch besser, wenn das ganze weit im Vorfeld gemacht wird, und nicht erst, wenn der Bagger schon in der Fundstelle steht...

Liebe Grüße,

Ray
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Re: 4. Welchen Nutzen haben Archäologie-Kunden wie Planer, Investoren, Politiker, u.a. von einem arch. Berufsverband?

Beitragvon Frank Siegmund » Di 11. Apr 2017, 10:31

Ich habe Mühen mit der Kontrastierung öffentliche Auftraggeber vs. private Auftraggeber. Tatsächlich sind öffentliche Auftraggeber ja oft öffentliche Institutionen wie der Autobahn- und Strassenbau oder Kommunen, die Gewerbe- und Wohngebiete erschließen, bevor sie diese parzellieren und an Private verkaufen. Weshalb ich die Interessenlage zwischen beiden Gruppen als nicht so arg unterschiedlich betrachte. Die Amtsarchäologie ist ja weniger "öffentlicher Auftraggeber", sondern eher "TÜV" = Überwacher der Einhaltung von sachlichen Qualitätsstandards (und in manchen Bundesländern auch Konkurrent der Firmen, was das Gesamtgefüge nochmals erheblich kompliziert).

Ich habe auch Mühen mit dem Gedanken, privaten Investoren ginge es vor allem ums Geld. Die Frage ist, ob Archäologie je ernsthaft versucht hat, jenseits des Geldes zu argumentieren. Wenn ich - wieder mal - aufs Feld der Autos wechseln darf... Audi, BMW, Mercedes verkaufen ihre Autos (sehr erfolgreich!) nicht über das Argument "wir sind die billigsten". Auch die Qualität, die sie verkaufen, ist nicht vor allem dargestellt als "planbar, verlässlich, mit Garantie", weil das quasi Selbstverständlichkeiten sind, dass ein neues Auto funktioniert. Im Markenauftritt werden Emotionen geweckt und andere Werte jenseits des Preises angesprochen. Selbst Billigheimer wie "Dacia", "Lada" o.ä., die tatsächlich stark über den Preis argumentieren, versuchen neben dem Preis noch etwas anderes zu verkaufen, z.B. Werte wie "vernünftig", "nicht-protzig", "Understatement", oder "Outdoor & Abenteuer" usw.

Es liegt mir wirklich fern, hier rumzuschlaumeiern und Archäologiefirmen zu empfehlen, wie sie ihre Arbeit machen sollen! Aber ich lese aus manchem, was erfahrene Firmen hier im Forum geschrieben haben heraus, dass sie in der Tat auch nicht-monetäre Mehrwerte anbieten. Was ich immer mal wieder gerne frage: "was würde es für das Gesamtbudget der Grabung kosten, wenn man am Ende noch zusätzlich xyz abliefern würde" und erhalte regelhaft die Antwort: wenig, paar Prozent. Heisst: es gibt Mehrwerte, mit denen man sich (individuell, und die Archäologie als ganze) am Markt auch höherpreisig verkaufen könnte. Zwei Firmenarchäologen haben z.B. an die Investoren RWE und Strassen.NRW ein Buch verkauft ("Autobahn 4. Fundplatz der Extraklasse" [2014]) - noch kein Diss.-Niveau, aber deutlich mehr als der übliche Bericht für's Archiv. Ich persönlich warte auf die Firma, die ein Merowingerzeit-Gräberfeld anbietet - etwas teurer als üblich - mit dem Argument: wir liefern Ihnen als Investor, natürlich exklusiv, alle zwei Monate eine wissenschaftliche Einschätzung der Funde, Abendvortrag im kleinen Kreis mit Sektempfang, als Vortragender der berühmte Merowingerzeitexperte Frank Siegmund. Und ja, liebe Firma, da täte ich auch gerne ausnahmsweise mal ein sattes Vortragshonorar für mich erwarten. Was einige der Firmen im Sektor Hightech leisten, das findet doch Interesse bei breitem Publikum, auch das lässt sich als Mehrwert mit Erklär-Abend, Experte-zum-Anfassen etc. verkaufen. Ein Supermarkt, dessen großer Parkplatz nicht "die Gegend verschandelt", sondern der dem Ort, den Anwohnern ein Stück ihrer Geschichte schenkt (dank des Plus-Angebots seiner Grabungsfirma) - der steht doch besser da.

Dieses Denken würde es Firmen ermöglichen, jenseits des Preises in Konkurrenz zu treten. Aaah, das sind doch die, die immer so gute Grabungsführungen für die lokale Bevölkerung anbieten. Aaah, das sind doch die, wo es hinterher immer noch so eine gute Broschüre mit Investoren-Logo gibt. Aaah, das sind doch die, wo man Samstags alle 14 Tage in der Halle am Firmensitz die neuen Funde anschauen kann und erklärt bekommt.

Was das mit der Eingangsfrage zu tun hat? Viel, weil es einordnet, weil es die Vision eines übergreifenden Selbstmarketings absteckt. Berufsverband = Garantie der fachlichen & sozialen Mindeststandards (wie oben Auto: es tut und fährt, ganz sicher, und Kinderarbeit steckt auch nicht drinne, sondern Tariflohn), und darauf drauf sattelt man noch (unterschiedliche) Mehrwerte, die man anbietet. So dass der, der sich die Mehrwerte nun wirklich nicht leisten will, halt zum Dacia oder Lada greift (dafür aber kein Prestige erntet) - und damit aber auch klaglos ein Produkt nach Mindeststandards kauft. Will sagen: es ist falsch, wenn wir hier unter uns über das Einhalten von Mindeststandards als "toll, wenn wir da in kleinen Schritten hinkämen, das wäre der Himmel" reden. Nix da, das ist das selbstverständliche Minimum (Garant Berufsverband), in Wirklichkeit verkaufen wir viel mehr. Solange wir in unseren Köpfen die Haltung nicht ändern, kriegen wir dies auch nicht nach außen verkauft.

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Re: 4. Welchen Nutzen haben Archäologie-Kunden wie Planer, Investoren, Politiker, u.a. von einem arch. Berufsverband?

Beitragvon falknaeth » Di 11. Apr 2017, 19:06

Ich habe Mühen mit der Kontrastierung öffentliche Auftraggeber vs. private Auftraggeber. Tatsächlich sind öffentliche Auftraggeber ja oft öffentliche Institutionen wie der Autobahn- und Strassenbau oder Kommunen, die Gewerbe- und Wohngebiete erschließen, bevor sie diese parzellieren und an Private verkaufen. Weshalb ich die Interessenlage zwischen beiden Gruppen als nicht so arg unterschiedlich betrachte. Die Amtsarchäologie ist ja weniger "öffentlicher Auftraggeber", sondern eher "TÜV" = Überwacher der Einhaltung von sachlichen Qualitätsstandards (und in manchen Bundesländern auch Konkurrent der Firmen, was das Gesamtgefüge nochmals erheblich kompliziert).
Guten Abend Herr Siegmund,

Die Interessenlagen können sowohl bei privaten, als auch bei öffentlichen Auftraggebern durchaus deutliche Unterschiede aufweisen: So gibt es z. B. öffentliche Auftraggeber wie den "Ostfriesisch-Oldenburger Wasserverband", der nicht im Geringsten irgendeine Öffentlichkeitsarbeit über die Archäologie benötigt, sondern eher einen reibungslosen Ablauf der Leitungsverlegungen braucht (und seien wir ehrlich: in einem 60 cm breiten Leitungsgraben finde sich selten zur Öffentlichkeitsarbeit geeignete archäologische Objekte). Anders kann es bei einem Erschließungsgebiet einer Gemeinde aussehen - hier finden sich genügend Identifikationen mit der "eigenen" Vergangenheit. Bei Privatkunden sieht es ganz ähnlich aus: Während eine Hotelbetreiberin durchaus die Archäologie bei der Eröffnung des Erweiterungsbaus nutzen kann, ist es dem Bauherrn eines Schweinemaststalls deutlich gleichgültiger, was da aus seiner Baugrube kommt - Hauptsache er kann die Produktions- und Liefertermine an die Großschlachtereien garantieren. In der Tat kommen die "glücklichsten" Kunden aus den Kommunen mit eigener Kommunalarchäologie - die dann jedoch auch die Öffentlichkeitsarbeit selbst übernimmt (was ja auch eigentlich Sinn macht). Insofern muss ich bei allem verständlichen Enthusiasmus in Sachen Öffentlichkeitsarbeit doch dem beipflichten, was Birgit Anzenberger bereits in II.3 beschrieben hat:
... Ich mach jetzt mal den Spagat auch zu der Sektion "was hat denn der Bauherr etc. davon". Auch wir bieten unseren Bauherren an, Zusammenfassungen der Grabungen auf etwas höherem Niveau als dem reinen Grabungsbericht zu erstellen. Wir sagen den großen Bauträgern, dass sie mit so etwas Werbung machen können. Jedem Interessenten ein gut gemachtes Heftchen mit Bildern und Informationen zur Geschichte des Standortes in die Hand zu drücken ist beste Werbung zu einem günstigen Preis. Wir bieten Führungen über Grabungen an und Vorträge zum Thema etc. Wir nehmen im Vorfeld den Bauherren viel "Lauferei" (auch per Telefon) zu den Ämtern und Behörden ab, erstellen Ablaufpläne um zu zeigen, dass die Archäologie perfekt in den Bauablauf eingegliedert ist (was einige UD's zu Recht sehr schätzen), beraten die Bauherren - wenn sie frühzeitig an uns heran treten - wie der Bauablauf in Zusammenarbeit mit der Archäologie reibungslos erfolgen kann, und, und, und. Das ist alles Mehrwert, den der Bauherr gerne mitnimmt - solange er nichts kostet. Wenn ein günstigeres Angebot vorliegt, dann nimmt man doch lieber den billigeren Anbieter, denn einen wirklichen Vorteil sehen die Bauherren in all den Dingen nicht. Das nimmt man mit, freut sich vielleicht sogar darüber - und das war's.
Ich muss dazu sagen, dass wir auch ein paar Auftraggeber haben, die das alles schätzen und deshalb immer wieder mit uns zusammen arbeiten. Ich bin aber nicht sicher, dass sie das auch noch täten, wenn wir mit den Preisen anziehen.
Deshalb: Was wir brauchen sind klare Sozial- und Qualitätsstandards und ein klares Tarifgefüge um die derzeitige Situation, die für Firmen wie für Mitarbeiter nicht akzeptabel ist, zu verbessern!
Herzliche Grüße, Falk Näth
"Größtmöglicher Erfolg oder eine vernünftige Alternative!" (Hägar der Schreckliche)

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Re: 4. Welchen Nutzen haben Archäologie-Kunden wie Planer, Investoren, Politiker, u.a. von einem arch. Berufsverband?

Beitragvon MaryJane » Di 11. Apr 2017, 19:19

Hallo Herr Siegmund,
die Kontrastierung von "öffentlichen" und "privaten" Auftraggebern ist sicherlich unausgegoren und verkürzt.
Trotzdem gibt es eine Gruppe von Auftraggebern, denen die Archäologie als solche am Herzen liegt, und eine Gruppe, der das schnurzpiepe ist. Da kann vielleicht durch gute PR eine gewisse Verschiebung zu Gunsten der ersten Gruppe stattfinden - mehr aber auch nicht. Die erste Gruppe hätte einen Nutzen davon, wenn ein Berufsverband die fachlich-archäologische Qualität sicherstellt, die zweite nicht.
Und es gibt eine Gruppe von Auftraggebern, die verpflichtet sein sollten oder sich verpflichtet fühlen, bei ihren Auftragnehmern auch soziale Standards zu berücksichtigen, während für andere Auftraggeber grundsätzlich alles okay ist, was der Markt hergibt (und rechtswidrig handelt ja nicht der, der günstig einkauft, sondern der Unternehmer, der z.B. unter Mindestlohn bezahlt). Die erste Gruppe könnte einen Nutzen in entsprechenden Standards eines BV finden, die zweite nur mit "Zwangsmaßnahmen" überzeugt werden.
Für alle diese unterschiedlichen Auftraggebertypen kann jedoch seriöses Geschäftsgebaren, Verlässlichkeit usw. als Nutzen eines Berufsverbandes gesehen werden.
Wenn Du willst, was Du noch nie hattest, dann tue, was Du noch nie getan hast.


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