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4. Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Studierende von ihren Universitäten?

Was und wen soll ein erfolgreicher Berufsverband für die Archäologie umfassen? Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Grabungsfirmen für Studierende und Studierende von ihren Universitäten?
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Kristin Oswald
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Re: 4. Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Studierende von ihren Universitäten?

Beitragvon Kristin Oswald » Mo 20. Mär 2017, 16:40

Ich teile die Einsichten von Katharina und Daniel voll und ganz. Natürlich kommt es immer individuell auf die jeweilige Universität bzw. den jeweiligen Studiengang an. Anhand eigener Erfahrungen würde ich vermuten, dass die Ur- und Frühgeschichte bezüglich des Praxisbezugs durchaus recht gut aufgestellt ist - womöglich, weil die Arbeit in einem Landesamt eine naheliegende berufliche Option ist, die zudem durch Kooperationen schon während des Studiums vertieft werden kann. In der klassischen Archäologie scheint es aber mitunter anders zu sehen. Natürlich kann man auch hier durch Ausgrabungen in Deutschland methodische Erfahrungen sammeln. Trotzdem beschränkt sich aber das naheliegende oder angenommene Einsatzgebiet eher auf den universitären Bereich. Zudem ist die Klassische Archäologie oft immernoch eher eine Kunstgeschichte der Antike, deren außeruniversitäre Tätigkeitsfelder vor allem museal und hier im Bereich Kuration zu liegen scheinen. Eine weitere Hürde ist, dass aufgrund des Mindestlohns für Praktika die Praktikantenstellen abzunehmen scheinen, es also schwieriger wird, in alles mal reinzuschnuppern. Auch deshalb fände ich ein Seminar, wie es Katharina vorgeschlagen hat, wichtig: Um schon vor dem einen Pflichtpraktikum ein Gefühl dafür zu bekommen, welcher der richtige Bereich für die eigene Laufbahn sein könnte. Hier auch Management- und Strukturthemen unterzubringen, scheint mir sehr sinnig - ebenso wie aufzuzeigen, welche nicht-fachlichen Soft Skills es für die verschiedenen Berufsfelder braucht. An dieser Stelle erscheint mir ein Berufsverband eine gute Anlaufstelle, um grundlegende und vor allem dem aktuellen Stand außerhalb der Universitäten entsprechende (OER) Materialien zur Verfügung zu stellen.
Kristin Oswald, M.A.
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Michaela Schauer
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Re: 4. Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Studierende von ihren Universitäten?

Beitragvon Michaela Schauer » Mo 20. Mär 2017, 19:30

Ich kann mich dem Grundtenor nur anschließen - eine erweiterte, auf die Praxis ausgelegte Vorbildung empfinde ich auch als immens wichtig.

Ich kann diesem Zusammenhang ein bisschen an persönlicher Erfahrung beisteuern: Während meinem Masterstudium kam bei mir natürlich langsam die Frage auf, wie soll es nach dem Abschluss weiter gehen. Für mich war klar, ich möchten meine Doktorarbeit schreiben und versuchen einen 'Fuß in die Tür' zu bekommen. Meine Brötchen zahlt aber schon seit vor dem Studium eine private Grabungsfirma. Während der Überlegung wurde immer wieder an mich heran getragen, dass 'meine' Firma sehr schlecht zahlt - und tatsächlich der direkte Vergleich des Stundenlohnes (!) zeigte gravierende Unterschiede. Ich war entsetzt und fragte näher nach - es kostet einige Zeit und seehr viel Geduld von Seiten meiner Arbeitgeber mir die ganzen Hintergründe von Lohn, Steuer, Rücklagen etc. zu erklären. Ich fühlte mich ziemlich doof und unwissend und beschloss deshalb, mir, wie immer wieder empfohlen wurde, an der Uni Kurse in Jura und BWL zu suchen, um die Dinge besser zu verstehen. Ich nahm mir dafür extra ein gesamtes Semester 'frei von der Archäologie'. Das Problem war aber, dass ich mich im Wust der Kurse nicht zurecht finden konnte bzw. für mich nicht klar war, wo ich die für mich wichtigen Informationen finde. Ich fragte deshalb den verschiedenen Instituten nach, ob sie Kurse hätten, die mir helfen würden mich näher mit Lohnkalkulation, Firmengründung, Angeboterstellung, Mitarbeiterschutz, Arbeitgeber-/nehmerschutz etc. zu befassen. Für Jura funktioniert das gut - für BWL nicht. Hier begegnete man mir mit völligem Unverständnis und verwies darauf, dass es sich um Themen der 'mittelständischen Unternehmen' handle, und ich mich deshalb an die IHK wenden sollte.

Und genau hier sehe ich ein riesiges Problem - die Universität bildet Archälogen in ihrem Auftrag einer wissenschaftlichen Bildung auf einem sehr hohen Niveau aus. Aber der Aspekt, dass Archäologen nach ihrem Abschluss in Unternehmen gehen, die von der Struktur her eher mittelständischen Unternehmen wie Maler, Maurer etc. entsprechen geht dabei völlig unter. Warum? Naja, wie viele Studiengänge außer der Archäologie können zur Gründung einer solchen Firma führen? Nicht viele möchte ich meinen - die Archäologie bildet daher schon von 'Natur aus' einen Sonderfall in der universitären Landschaft.

Dennoch - mir persönlich wäre es sehr wichtig gewesen, die für das Verständnis einer Arbeit in der freien Wirtschaft nötigen Kenntnisse zumindest in Ansätzen in der Universität zu hören. So wäre es auch einfacher, die unterschiedlichen Lohnniveaus zu verstehen und möglicherweise auch z.B. den 'Rufmord' an den Firmen, die fest anstellen und deshalb logischerweise 'weniger' Stundenlohn zahlen einzudämmen. Hierfür ist aber eben zumindest ein grundlegendes Verständnis von Lohnkalulation nötig...

Mein großer Wunsch wäre deshalb, dass in Zukunft zumindest einige Kurse in Zusammenarbeit mit Jura, BWL (IHK) und auch Grabungsfirmen, die den besten Einblick in die Geschehnisse haben, an den Universitäten statt finden und dort auch die Anerkennung und Wertschätzung bekommen (!) die sie verdienen.

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Re: 4. Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Studierende von ihren Universitäten?

Beitragvon DScherf » Di 21. Mär 2017, 08:10

Lieber Herr Karl,

"Naja, ich hatte nicht den Eindruck, dass die VorrednerInnen die tatsächlich utopische Forderung aufgestellt hätten, dass 'alle Eventualitäten, die auftreten können, im Studium vermittelt werden' sollten." - In diese Richtung ging meine Antwort auf die Beiträge auch nicht. Ich habe lediglich darauf hingewiesen, dass es an den Universitäten bereits Anlaufstellen und Kurse gibt, in denen Drittmittelaquise und Projektkonzeption/-management vermittelt sowie eigentlich auch Kurse zur Grabungstechnik angeboten werden. Und dass trotz aller Prospektionen jede Ausgrabung besondere "Überraschungen" bereithält, auf die kaum neben dem eigentlichen methodischen Vorgehen vorbereitet werden kann (was im Übrigen lediglich meine persönliche Auffassung ist). Dementsprechend wollte ich lediglich darauf hinweisen, dass die Uni's durchaus extracurriculäre Veranstaltungen anbieten, die man nur finden und besuchen muss, die allerdings für alle angehenden Wissenschaftler von immanenter Bedeutung sind und nicht zwingend in einer Studienordnung eingeschrieben sein müssen.

Die Frage nach der Einführung in Denkmalschutzrecht und -praxis lasse ich mir gern gefallen. Während meines Studiums wurden mehrere dieser Veranstaltungen angeboten und von mir selbst auch belegt. Ich kann allerdings auch nur dringend dazu raten, sich auch selbstständig mit der Thematik zu befassen, wenn solche Veranstaltungen aufgrund personeller Lücken nicht angeboten werden können. Die Bemühungen unsererseits einen Kurs durch eine entsprechenden FachkollegIn bzw. auch eine JuristIn anbieten zu lassen, sind bislang nicht von Erfolg gekrönt worden, wir arbeiten aber daran. Ich halte es weiterhin allerdings auch für wichtig, dass die VertreterInnen der Denkmalpflege etc. mit ihren Spezialkenntnissen der Berufspraxis an die Universitäten gehen, und dieses auch weitertragen. Ich persönlich würde mich beispielsweise aufgrund meines bisherigen Werdeganges, kaum in der Lage sehen, eine fundierte, denkmalpflegerische Einführung zu geben, die über mehr als das Herunterbeten verschiedener Schlagworte hinaus ginge. Damit wäre meiner Meinung nach auch Niemandem geholfen.

Was die Studienordnungen und Akkreditierungsverfahren angeht, pflichte ich Ihnen gern bei. Mein Kommentar zur "Schulung von GutachterInnen" ging schon in eine recht konkrete Richtung. Der studentische Akkreditierungspool bereitet die studentischen GutachterInnen bzw. solche, die es werden wollen, auf die entsprechenden bürokratischen Fallstricke vor und sensibilisiert für die studentischen Belange. Ein Berufsverband könnte sich m.E. durchaus anmaßen etwas Ähnliches anzubieten. Darüber könnten die Belange der Praxis stärker eingebunden werden und dies könnte problemlos auch über e-teaching-Verfahren laufen.

Viele Grüße

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Re: 4. Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Studierende von ihren Universitäten?

Beitragvon Diane Scherzler » Di 21. Mär 2017, 10:02

Liebe Kollegen,

ergänzend zum hier Gesagten möchte ich auf Angebote wie das "Studium Professionale" (Universität Tübingen) und das "Zentrum für Schlüsselqualifikationen" (Universität Freiburg) hinweisen. Sicher gibt es Vergleichbares auch an vielen anderen Universitäten; ich kenne diese beiden Angebote, weil ich dort lange Jahre unterrichtet habe.

Studium Professionale: https://www.uni-tuebingen.de/studium/st ... onale.html
Zentrum für Schlüsselqualifikationen: http://www.zfs.uni-freiburg.de/de

Tübingen bietet, beispielsweise, eine "Einführung in die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit" an. Oder "GeisteswissenschaftlerInnnen in der freien Wirtschaft", oder "Einführung in das Kulturmanagement". In Tübingen ist die Teilnahme an Kursen des Studium Professionale für Studierende freiwillig, aber alle Angebote werden mit ECTS-Punkten "vergütet". So bekamen Studierende beispielsweise für einen Kurs von mir zum verständlichen & exakten Schreiben 6 ECTS-Punkte. Dito in Freiburg, wo die Teilnahme an Kursen aus dem berufsvorbereitenden Angebot aber in gewissem Rahmen verpflichtend ist.

All das kann und soll die hier in der Debatte genannten Wünsche und Bedürfnisse nicht relativieren. Aber einzene Aspekte dessen, was Absolventen mitbringen müssten, könnten ein Stück weit aufgefangen werden. Und ich glaube darüber hinaus, dass ein Gespräch mit den Leitungen solcher Einrichtungen jeweils wertvoll wäre. Die kennen nämlich Dozenten "von außerhalb", die lehren könnten, was gebraucht wird.

Selbstverständlich ist es nicht so, dass es dort maßgeschneiderte Kurse für junge Archäologinnen und Archäologen gäbe, wie sie bisher genannt und wichtig sind. Das ist mir natürlich bewusst. Kurse, die sehr "ans Eingemachte gehen" wie z. B. "Wie plane ich eine anstehende Grabung?" müssten anders etabliert werden.

Viele Grüße
Diane Scherzler

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Re: 4. Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Studierende von ihren Universitäten?

Beitragvon Jens-M. Barke » Di 21. Mär 2017, 10:55

In Bamberg (Achtung Werbung) gab es/ gibt es die Möglichkeit als Archäologiestudent (im Master und/ oder Bachelor) die Angebote des Masterstudiengangs Denkmalpflege zu besuchen und anerkannt zu bekommen (als Wahlpflichtbereiche bzw. als Bachelor-Nebenfach "Kulturgutsicherung").

Fachprüfungsordnung BA Archäologie

FPO MA Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit als Beispiel für einen der Archäologie MAs.

Modulhandbuch Nebenfach Kulturgutsicherung

Dort wird u.a. auch Denkmalrecht gelehrt, wenn vermutlich auch nicht auf Bodendenkmalpflege spezialisiert.

Vorlesungsverzeichnis UniVis

Insgesamt fand ich die Kurse mit Praxisbezug in Bamberg gut, wenn sie auch niemals die konstante (oft leidvollere) Erfahrung im tatsächlichen, alltäglichen Grabungseinsatz für die Bodendenkmalpflege ersetzen können, sondern nur begleiten können.

Falk Näth hat sich an andere Stelle für einen Kurs "Projektmanagment (für Archäologen)" ausgesprochen. Das fände ich auch gut, habe darüber zufällig erst mit Kollegen (Grabungsleiter) gesprochen, die es sehr sinnvoll und beruflich weiterführend fanden eine solche Zusatzqualifikation (in dem Fall an externer Stelle) besucht zu haben. Dies nicht zuletzt, weil es ihnen auch berufliche Perspektiven in anderen Branchen schaffte!

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raykarl
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Re: 4. Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Studierende von ihren Universitäten?

Beitragvon raykarl » Di 21. Mär 2017, 12:07

Ich denke, es ist wesentlich, hier zwischen der Ausbildung zu unterscheiden, die Studierende als Teil ihres Studienplans bekommen, und jener, die grundsätzlich jedem, auch und insbesondere als Teil des 'lebenslangen Lernens' zur Verfügung steht (und auch von allen wahrgenommen werden sollte).

Wie schon gesagt: was im Studienplan fix vorgesehen ist wird von den Lehrenden als 'unverzichtbarer' Teil der Ausbildung zum (professionellen) Archäologen angesehen. Studienpläne gibt es genau deswegen, dass Studierende jenes Wissen und jene Kompetenzen vermittelt bekommen, das bzw. die man 'unbedingt' braucht; und ich denke, Studierende verstehen das in der Regel auch so. Wäre dem nicht so, dass es 'unverzichtbare' und 'fakultative' Kompetenzen gäbe, dann bräuchte man erst gar keinen Studienplan bzw. dieser dürfte dann nicht mehr sein als eine unverbindliche 'Empfehlung', an die sich der bzw. die einzelne Studierende halten kann oder auch nicht, wie es ihm bzw. ihr gefällt.

An der Uni Wien z.B. gibt es die Möglichkeit, sich selbst sein eigenes Studium zu designen, bis heute: das heißt jetzt 'individuelles Bachelor-' bzw. '... Masterstudium', früher hieß es 'individuelles Diplomstudium', und als ich studiert habe, habe ich z.B. als mein 'Nebenfach' neben der Urgeschichte ein solches 'individuelles Studium', das damals noch 'sinnvolle Fächerkombination' hieß, absolviert. Dabei konnte und kann man sich selbst einen 'Studienplan' aus dem bestehenden Lehrangebot zusammenstellen, wie man es selbst für richtig hält. Dieser 'individuelle Studienplan' muss natürlich von der Uni bewilligt werden und irgendeinen Sinn haben, aber im Prinzip hat man das immer bewilligt bekommen, wenn es tatsächlich einen halbwegs nachvollziehbaren Sinn hatte und durch das bestehende Lehrangebot abgedeckt werden konnte.

Gibt es einen fix vorgegebenen Studienplan, der Studierende für bestimmte Berufsfelder qualifizieren soll, dann haben Studierende schon auch einen gewissen Anspruch darauf, dass die Lehrenden, die diesen Studienplan entwickeln, auch tatsächlich jene Inhalte in ihm vermitteln, die Studierende für eine Tätigkeit im genannten Berufsfeld qualifizieren, d.h. da besteht dann eben schon eine deutliche Bringschuld der Ausbildner. Zu sagen: 'dieses Studium qualifiziert Dich für x verschiedene Berufsfelder', wenn sich die Studierenden die notwendigen LVs dann selber zusätzlich zum Pflichtstudienplan zusammensuchen müssen, die sie dafür brauchen, um in diesen x Berufsfeldern auch tatsächlich arbeiten zu können, dann ist das meiner Meinung nach Etikettenschwindel. Auch dagegen sollte man sich deutlich aussprechen, weil das ist genauso ein Systemproblem wie wenn Leute unfair niedrig bezahlt werden: auch an den Unis gibt es natürlich Zwänge und diese 'Qualifikationsprofile von AbsolventInnen' sind so geschrieben, dass sie im Unisystem die Existenz der Studiengänge besser zu argumentieren erlauben, dienen also unter anderem der Existenzsicherung der Institute. Wenn das zu Lasten der Studierenden geht, denen der Studiengang als 'qualifizierend für xyz' verkauft wird, während er sie wenn überhaupt nur für x qualifiziert, dann ist das unfair; weil die Studierenden haben eine berechtigte Erwartung, dass ihnen die Uni auch das bietet, was sie ihnen vorab verspricht.

Was ganz anderes sind 'zusätzliche Fortbildungskurse', die übrigens im Sinne der verfassungsgesetzlichen Lehrfreiheit von Art. 5 Abs. 3 GG in Deutschland bzw. Art. 17 StGG in Österreich jeder anbieten kann; somit auch ein Berufsverband (das CIfA in GB macht das z.B. auch). Die Frage bei solchen 'zusätzlichen Fortbildungskursen' ist eigentlich nur, ob diese von (anderen) Arbeitgebern anerkannt werden oder nicht; was letztendlich - wenn es sich nicht um formell akkreditierte Universitätskurse oder vergleichbare Ausbildungen handelt, die anerkannt werden müssen - dem jeweiligen Arbeitgeber überlassen bleibt. Aber Zeugnisse ausstellen darf ein jeder, für jeden beliebigen Kurs, den er anbietet. Solche zusätzlichen Kurse - idealerweise natürlich allgemein anerkannte wie eben akkreditierte Universitätskurse - sollte ein jeder immer dann machen, wenn er es (sich leisten) kann, ob nun neben dem Studium oder während des Berufslebens.

Mehr zu lernen ist nämlich immer gut; aber bezüglich dessen gibt es eben für Kursanbieter nur die Bringschuld, tatsächlich im von ihnen angebotenen Kurs das zu vermitteln, was sie versprechen. Welche solcher Kurse ein Einzelner absolviert ist hingegen seine eigene Entscheidung und er hat in dieser Beziehung nur eine Holschuld: er muss sich darum kümmern, die 'zusätzlichen Fähigkeiten' zu erlernen, die er zu brauchen glaubt. Das ist dann eben wie ein 'individuelles Studium': bei dem hat die Uni auch keine Bringschuld, den Studierenden für bestimmte Berufsfelder auszubilden, sondern es ist die Entscheidung des Studierenden selbst, was er zu brauchen glaubt und damit auch seine eigene Verantwortung, ob das, was er studiert hat, ihn dann für irgendein Berufsfeld qualifiziert oder nicht.

Wenn wir über die 'berufsvorbereitende Bildung' reden, die sich Studierende von ihren Unis wünschen, müssen wir meiner Meinung nach über die LVs reden, die im Studienplan vorgesehen sind, nicht über 'zusätzliche Angebote', die es (an Unis und anderswo) gibt. Weil wenn man ein Studium als Berufsvorbereitung betrachtet - und als solches muss man es im Sinne des Bologna-Prozesses betrachten, ob uns das gefällt oder nicht - dann muss diese Berufsvorbereitung eben im Rahmen des Studienplans und nicht durch 'extracurriculare Aktivitäten' erfolgen.

Liebe Grüße,

Ray
Prof. PD Mag.Dr. Raimund KARL FSA FSAScot MCIfA
Professor of Archaeology and Heritage
Prifysgol Bangor University
School of History and Archaeology
College Road
Bangor, Gwynedd LL57 2DG
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r.karl@bangor.ac.uk

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Re: 4. Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Studierende von ihren Universitäten?

Beitragvon MaryJane » Di 21. Mär 2017, 14:18

Das ist ja alles interessant - aber ich dachte, dies wäre das Forum "Was wünschen sich Studierende von ihren Universitäten" und nicht "Was Lehrende an Universitäten immer schon mal sagen wollten" ??
Wenn Du willst, was Du noch nie hattest, dann tue, was Du noch nie getan hast.

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Re: 4. Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Studierende von ihren Universitäten?

Beitragvon Michaela Schauer » Di 21. Mär 2017, 19:32

Liebe Mary Jane,
vielen Dank für diesen deutlichen 'Ruf zur Ordnung'.
Du hast völlig recht, dass es hier um Studierende geht, aber z.B. sind weder Herr Barke noch Frau Scherzler vorwiegend Lehrpersonal bzw. Lehrende an Universitäten. Die Informationen, die in den letzten Beiträgen zur Verfügung gestellt worden sind, sollten eher als Hinweise, dass es diverse Möglichkeiten gibt gelten - und diese wiederum sollten Studenten Mut machen, dass ihre Wünsche durchaus eine Chance haben. Denn immerhin gibt es einige Optionen (vielen Dank den Autoren an dieser Stelle), die den meisten Studierenden womöglich nicht bekannt sind.
Dieser Thread kann demnach auch ein bisschen weiter gefasst als Austauschplattform von Studierenden und ihren Wünschen mit 'fertig Studierten' bzw. 'Lehrpersonal' (wie Herrn Karl) gesehen werden.
Beste Grüße

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Re: 4. Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Studierende von ihren Universitäten?

Beitragvon Patricia » Mi 22. Mär 2017, 01:24

Mal rein aus der Praxis gesprochen: als ich meine Ausbildung zur Bankkauffrau erfolgreich beendet habe, gratulierte mir das Prüfungskomittee mit den Worten "(...) und jetzt fängt das richtige Lernen an! Viel Spaß dabei!"

Auch in der Schule beschweren wir uns, dass man vieles lernt, was man später nicht braucht oder einfach nachlesen könnte, auf der anderen Seite aber von alltäglichen Dingen, z.B. Der Steuererklärung, keine Ahnug hat.

Als frischer Absolvent zu erwarten, man kann jetzt alles, ist sicher nicht möglich. Die Frage ist also, welche Qualitäten werden "draußen" benötigt und wie können diese möglichst gut abgedeckt werden. Zudem stellt sich mir die Frage, ob alle, alles können müssen, oder ob es sinnvoll sein könnte, verschiedene Berufszweige und Qualifizierungswege zu bilden...die von "unabhängiger" Stelle überwacht werden und durch einen Berufsverband vereint sind.

Als Student wünsche ich mir, ein fundiertes, fachliches Grundwissen zu erhalten und Fähigkeiten zu schulen, die ich für die praktische Arbeit benötige. Frei nach dem Wahlspruch "Wer fragt, gewinnt." wird sich sicher in jeder Uni und zu (fast) jedem Thema jemand finden, der weiterhelfen kann...im Institut oder über die freien Wahlbereiche, bei denen auch in andere Disziplinen geschnuppert werden kann.

Eine enge Zusammenarbeit und ein steter Austausch zwischen allen! Beteiligten (Arbeitgeber, Lehrende und Lernende) ist fundamental, um die Qualität des Faches zu gewährleisten - ein Berufsverband für alle kann hierfür eine Basis schaffen.
Studentin der Vor- und Frühgeschichtlichen Archäologie und der Mittelalter-Studien an der Universität Hamburg

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Re: 4. Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Studierende von ihren Universitäten?

Beitragvon Jasmin Rauhaus » Mi 22. Mär 2017, 10:55

In der Debatte um den Anteil des Praxisbezugs während des Studiums wird bekanntlich immer wieder diskutiert. Gut so, denn das Studium und auch der Arbeitsmarkt sind nicht konstant. Heute sind m.E. nach die Anforderungen an Berufseinsteiger viel breiter gefächert. Über ein paar Praktika lässt sich die nötige praktische Erfahrung meiner Meinung nicht abdecken. Es ist wichtig bereits während dem Grundstudium diversen archäologischen Tätigkeiten, sowie in deren Schnittstellen zu anderen Feldern, Erfahrung zu sammeln. ABER, auch das scheint oft nicht ausreichend zu sein um nach dem Studium bei den Bewerbungen zu punkten. Die gesammelte Praxiserfahrung wird zwar zum Ende des Studiums erwartet, aber zugleich wird man als nichtswissender Anfänger eingestuft. Eine sehr ärgerliche und frustrierende Erfahrung, die ich mit vielen vom Nachwuchs teile. Grundsätzlich hätte ich mir aber auch ähnliches gewünscht wir meine Vorrednerinnen, z.B. mehr Ahnung von Koordination, Antragstellung, Recht usw.

Mir persönlich hätte es während dem Studium sehr geholfen, wenn Lehrende verstärkt auf den zwingend notwendigen Erwerb von Schlüsselkompetenzen hingewiesen hätten. Archäologische Fähigkeiten sind wichtig, aber um auf dem erweiterten Arbeitsmarkt ("Kultur") eine Chance zu haben, sind Schlüsselkompetenzen und konkrete Weiterbildungen (Public Relations, Marketing, Projektmanagement, usw.) von noch viel größerer Bedeutung. Die Wichtigkeit wird hier nicht ausreichend betont, z.T. sogar in Abrede gestellt. Daher habe ich habe im Wintersemester eine Veranstaltung im Bereich Schlüsselkompetenzen angeboten – „Vortragskompetenz: Kommunikation & Zielgruppen“: Wozu braucht man Schlüsselkompetenzen? Wo bekomme ich die her? Welche Aufgabenfelder gehören noch zur Archäologie (z.B. gesellschaftsrelevante Aspekte)? Was sind Zielgruppen? Wie kommuniziere ich Belange (Welche?) aus verschiedenen Perspektiven (Museum, Denkmalpflege, Uni...)? Wir haben an Stil und Inhalt (Was ist mein Ziel?) von Vorträgen gearbeitet, immer mit der Frage nach dem Anlass, der Angemessenheit, der Zielgruppe (Fachpublikum, interessierte Laien, Kinder usw.).

Das Feedback war erfreulich gut, z.B. wurden die Inhalte als eine ganz andere, den Studierenden bisher unbekannte, Perspektive auf die Archäologie und deren Tätigkeitsfelder gewertet. Wichtig war auch die Selbstwahrnehmung (Defizite/Stärken) der Studierenden. Sie haben ihre Vorträge nicht nur als schnöde Referate verstanden, sondern, dass sie sich und ihr Thema situationsbedingt richtig vermarkten können und auch später müssen. Daher bin ich ein großer Fan von Veranstaltungen, die einen tatsächlichen Bezug zu späteren Tätigkeits- und Aufgabenfeldern aufweisen. In Tübingen wurde z.B. ein Masterprofil „Museum & Sammlungen“ eingeführt (https://www.unimuseum.uni-tuebingen.de/ ... rofil.html). Für diejenigen, die eine klare Vorstellung haben oder sich aber an einer klareren Leitlinie bewegen wollen, ist das eine sinnvolle Sache. Ich denke, mit einem solchen Profil erhöhen sich die Chancen beim Berufseinstieg in der entsprechenden Sparte. Es wäre schön, wenn es ähnliche Profile zu Kulturgüterschutz/Denkmalpflege/Antikenhandel usw. geben würde. Theorie, Praxis & tatsächlich auch rechtliche Hintergründe.

Gut würde ich es auch finden, wenn man sich bei der (Neu-)Konzeption von Studiengängen bzw. deren Inhalten verstärkt mit dem Nachwuchs auseinander setzt, d.h. der Nachwuchs sollte mitbestimmen und -gestalten. Immer wieder erscheint es mir so, als wären viele der Lehrenden weniger auf dem Laufenden was die Anforderungsprofile von den Berufseinsteigern erwarten. Aber ein Masterstudent am Ende des Studiums und auch Doktoranden, das sind genau diejenigen die eigentlich den Arbeitsmarkt im Blick haben. Die Mitsprache von (Master-)Studenten könnte zudem einen positiven Effekt darauf haben, dass sich Studierende mehr als eine gemeinsame Gruppe/Zielgruppe mit eigenen Bedürfnissen verstanden fühlen. Rechte & Pflichten. Hier sehe ich in den letzten Jahren leider kaum Mitsprache oder Engagement der Fachschaften, wobei ich nicht alle über einen Kamm scheren möchte. Das ist sicher von Uni zu Uni unterschiedlich und hat sicher auch unterschiedliche Ursachen.
Jasmin Rauhaus M.A. (Ur- und Frühgeschichte)
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