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4. Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Studierende von ihren Universitäten?

Was und wen soll ein erfolgreicher Berufsverband für die Archäologie umfassen? Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Grabungsfirmen für Studierende und Studierende von ihren Universitäten?
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Frank Siegmund
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4. Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Studierende von ihren Universitäten?

Beitragvon Frank Siegmund » So 19. Mär 2017, 20:16

Am Übergang vom Studium zum Berufsleben steht oft ein individueller Schock: nach erfolgreich bestandenen Prüfungen samt Freude und Erleichterung erkennt man in kurzer Zeit geballt, was man alles sonst noch hätte lernen müssen (individuelle Defizite), und auch, was an Kursen seitens der Universität nicht angeboten wurde (systematische Defizite). Daher hat der Dachverbandverband archäologischer Studierendenvertretungen (DASV), die Dachorganisation archäologischer Fachschaften / Fachgruppen im deutschsprachigen Raum, wiederholt die „Tagung“ ArchaeoSkills organisiert, bei der mit Vorträgen, Workshops und Kursen bekannten spezifischen Defiziten gegengearbeitet werden sollte. Aufgrund der Kürze der Veranstaltung muss es indes bei kurzen Impulsen bleiben. Besser wäre es vielleicht, Fehlendes noch in das Studium zu integrieren. Welche Wünsche haben denn Studierende und junge Berufstätige, die die Universität erst kurze Zeit verlassen haben, an ihre Universitäten?
Auch hier gilt: Wolkenkuckucksheime sind nicht gefragt. Wer zusätzlichen Stoff im Lehrplan verankern will, muss auch benennen, was weggelassen werden kann. Gleichwie sollte diese Debatte geführt werden um zu prüfen, ob es exakt umreißbare Gebiete gäbe, wo mehrheitlich Defizite empfunden werden, die sich beheben ließen und den Start ins Berufsleben wesentlich erleichtern würden.

Katharina Möller
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Re: 4. Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Studierende von ihren Universitäten?

Beitragvon Katharina Möller » Mo 20. Mär 2017, 12:55

Was mir in meinem Studium gefehlt hat, waren Kurse, die mehr als nur reines archäologisches Fachwissen vermitteln. So interessant die Vorlesungen und Seminare auch waren, viele dieser Inhalte kann man sich auch durch das Lesen von Fachbüchern aneignen. Das soll jetzt natürlich nicht heißen, dass diese Kurse komplett gestrichen werden sollten. Immerhin besteht ein wichtiger Teil des Studiums darin, zu lernen, wie man wissenschaftliche Argumente führt (in Vorträgen, Publikationen und Diskussionen) und das geht besser in Seminaren als beim Lesen von Büchern.
Dennoch denke ich, dass man statt des x-ten Kurses zu römischen Kaisern oder bronzezeitlichen Bestattungssitten (so interessant diese Kurse auch sein mögen) auch praxisorientierte Themen in den Lehrplan integrieren sollte. Wir hatten z. B. einen Kurs, bei dem es um das Beantragen von Forschungsgeldern ging (Welche Organisationen vergeben Forschungsgelder? Wie finde ich passende Ausschreibungen? Wie schreibt man einen guten Förderantrag? etc.). Den fand ich gegen Ende meines Studiums im Hinblick auf die potenziell notwendige Finanzierung einer Doktorarbeit extrem nützlich – nützlicher als viele der Kurse, die mir akademisches Fachwissen vermittelt haben.
Natürlich ist mir bewusst, dass es nicht einfach ist, mehrere solcher Kurse zu unterschiedlichen Themen in den Lehrplan zu integrieren. Was aber machbar sein sollte, ist einen Kurs anzubieten, der ähnlich wie die an vielen Unis übliche „Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten“ verschiedene praxisorientierte Themen aufgreift und so eine Einführung in den wissenschaftlichen Arbeitsalltag gibt. Themen darin könnten unter anderem sein wie man Forschungsgelder beantragt, publiziert, wissenschaftliche Projekte entwickelt und managt, etc. Wenn all diese und weitere Themen in einem einzigen Kurs abgehandelt werden sollen, erlaubt einem das natürlich nicht, tief in die einzelnen Themen einzusteigen, aber als Student hat man wenigstens schon mal was davon gehört und das ist meiner Meinung nach besser als nichts. Der Vorteil davon, all diese Themen in einem einzelnen Kurs zu bündeln ist, dass sich ein einzelner Kurs einfacher in den Lehrplan integrieren lassen sollte, als wenn man mehrere Kurse zu verschiedenen Themen anbieten will.
Katharina Möller, M.A., ACIfA
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HeleneS
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Re: 4. Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Studierende von ihren Universitäten?

Beitragvon HeleneS » Mo 20. Mär 2017, 13:31

Wie Katharina Möller fehlt auch mir im Studium ein Bereich, in dem man auch auf den Bürokratie-Dschungel vorbereitet wird, der unmittelbar vor einem steht, wenn man das universitäre Gebiet verlässt.

Einen solchen Kurs, wie man Forschungsgelder beantragt, würde ich mir auch für meine Uni wünschen. Daneben fehlen mir auch einfache Hinweise wie man z.B. eine Grabungskampagne initiiert, sich die notwendigen Bestätigungen (Landesamt, Grundstückseigentümer etc.) einholt, das Ganze finanziert und plant. Möglich wäre ein vorbereitender Kurs zu einer Lehrgrabung, der sich mit der Theorie und dem praktischen Beispiel auseinander setzt.
Auch eine praxisorientierte Analogie zu den "Einführungen in das wissenschaftliche Arbeiten", wie Katharina Möller bereits vorgeschlagen hat, finde ich gut. Ein solcher Kurs würde zumindest die Fragen decken "Welche Probleme tauchen im archäologischen Alltag auf?", "Was gibt es dabei besonders zu beachten?" und "Wo kann ich Hilfe/ Anlaufstellen zu diesen Problemen finden?". Ein Handout mit den wichtigsten Organisationsformen rund um das Thema Archäologie (vor dieser Onlinetagung habe ich quasi keine der in den vorigen Sektionen genannten Organisationen gekannt), Fördermöglichkeiten, Institute etc. könnte dabei im Laufe des Studiums von jedem selbst erweitert und individualisiert werden.

Solche und ähnliche Probleme (wie z.B. das Publizieren, wissenschaftliche Projekte planen und durchführen, Funde und Befunde an einem praktischen Beispiel und im Rahmen z.B. einer Übung auswerten etc.) könnte man unter dem Titel "Organisatorisches" zusammenfassen.

Um solche organisatorischen Themen an der Universität zu behandeln, könnte man pro Semester eine Übung zu einem bestimmten Überthema anbieten. Eigentlich sollte das ja auch mit dem Modulkatalog zusammenpassen, ein Problem könnte allerdings sein, dass sich kein Dozent dafür finden könnte.

Katharina Möller
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Re: 4. Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Studierende von ihren Universitäten?

Beitragvon Katharina Möller » Mo 20. Mär 2017, 14:25

Daneben fehlen mir auch einfache Hinweise wie man z.B. eine Grabungskampagne initiiert, sich die notwendigen Bestätigungen (Landesamt, Grundstückseigentümer etc.) einholt, das Ganze finanziert und plant. Möglich wäre ein vorbereitender Kurs zu einer Lehrgrabung, der sich mit der Theorie und dem praktischen Beispiel auseinander setzt.
Ein solcher Kurs wäre sicherlich sinnvoll (gerade in Deutschland mit 16 verschiedenen Denkmalschutzgesetzen). Den hätte ich während meines Studiums auch gern belegt. Um aber auch der Durchführbarkeit Rechnung zu tragen sei gesagt, dass es nicht mal einen eigenen Kurs braucht, um zumindest einen kleinen Einblick in die angesprochenen Themen zu bekommen. Das geht an sich auch im Rahmen einer Lehrgrabung. Ich leite in Großbritannien eine Lehrgrabung zusammen mit raykarl, zu der auch 4 zweistündige Vorlesungen gehören, die unter anderem Themen wie Grabungsvorbereitung und Denkmalschutzrecht behandeln. Abgehalten werden diese Vorlesungen im Grabungsquartier an Regentagen, an denen wir nicht arbeiten können (davon gibt’s hier auf der Insel auch im Sommer genug ;) ) oder an den Wochenenden. So bekommen unsere Studenten wenigstens einen kleinen Einblick in das, was hinter den Kulissen passiert.
Eigentlich sollte das ja auch mit dem Modulkatalog zusammenpassen, ein Problem könnte allerdings sein, dass sich kein Dozent dafür finden könnte.
Mit Themen wie „Forschungsgelder beantragen“, „publizieren“, „wissenschaftliche Projekte entwickeln und managen“ sollten auch Universitätsdozenten Erfahrung haben. Die meisten die ich kenne haben das jedenfalls. Theoretisch sollte sich also jemand finden lassen, der sich gut genug mit diesen Themen auskennt, um Studenten zumindest einen groben Überblick zu diesen Themen geben zu können. Natürlich kann es sein, dass sich kein Dozent findet, der solche Kurse anbieten will, aber da frage ich mich dann, wo die Prioritäten in der Lehre liegen sollten, bei dem was der Dozent unterrichten will weil ihn das Thema interessiert oder bei dem was Studenten lernen sollten, um besser auf das Berufsleben vorbereitet zu sein?
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DScherf
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Re: 4. Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Studierende von ihren Universitäten?

Beitragvon DScherf » Mo 20. Mär 2017, 14:27

Hier bietet es sich an, auf zwei Dinge hinzuweisen. Es gibt zahlreiche Anlaufstellen in den Universitäten, um sich in Richtung Antragsstellung zu informieren. Teilweise handelt es sich dabei um Fachbereichs-/FakultätskoordinatorInnen bzw. AnsprechpartnerInnen in den Graduiertenakademien. Hier können auch Workshops absolviert werden, die genau diese Thematiken aufgreifen und Überblick bzw. Grundlagen verschaffen.

Einen soliden ersten Einblick über verschiedene Vereine und Organisationen bietet das letzte Kapitel der DGUF Handreichung für Erstsemester (http://www.dguf.de/fileadmin/user.../DG ... mester.pdf). Ferner sollte man sich frühzeitig im Studium orientieren.

Einen ersten Einblick in die Organisation von Ausgrabungen mit entsprechendem bürokratischen Aufwand sollten Tutorien/Übungen an den Universitäten verschaffen. Ich überblicke das allerdings nur für drei Unis, dort wird dies dementsprechend gehandhabt und umgesetzt. Die Ausbildung im Studium soll die Absolventen inhaltlich auf mehrere Tätigkeitsfelder vorbereiten, deshalb werden oft auch Einführungen in die Denkmalpflege oder das Museumswesen angeboten. Tiefer gehendes Verständnis kann eigentlich nur in einem Volontariat vermittelt werden. Während die Universität Sie also inhaltlich vorbereitet, werden dort i. d. R. die spezifischen Anforderungen des Arbeitsalltags erlernt.

Von Seiten der DozentInnen mangelt es meist nicht an Bereitschaft, auch finden sich immer wieder KollegInnen aus der Bodendenkmalpflege und den Museen, die an ihrem Erfahrungsschatz teilhaben lassen. Solange aber in der akkreditierten Studienordnung kein Raum für Module dieser Art vorgesehen ist, lassen die Campus-Management-System eine Verbuchung kaum zu. Für dieses Problem lassen sich allerdings gelegentlich analoge Lösungen finden. "Welche Probleme tauchen im archäologischen Alltag auf?" - Ich kann an dieser Stelle wieder nur dazu raten, in der vorlesungsfreien Zeit, Praktika und Grabungen zu absolvieren. Egal ob Museum, Denkmalpflege oder Grabungsfirma - besser als durch frühestmögliche Zusatzpraxis können Sie nicht auf den Alltag vorbereitet werden. Außerdem kann so in den Semesterferien auch Geld zuverdient werden (zumindest bei Tätigkeiten als GrabungshelferInnen). Wichtig ist außerdem auch die Wahl der Praktika. Das Heimatmuseum XY mag zwar einen schnellen Schein mit wenig Bewerbungs- und Arbeitsaufwand erbringen, vermittelt Ihnen aber nicht ansatzweise so komplexe Vorgänge, wie sie in einem größeren Museum auf der Tagesordnung stehen. Besser auf eine Grabung in der denkmalfplegerischen Praxis werden Sie auf einer Firmen-/Amtsgrabung als auf universitären Lehr- und Forschungsgrabungen.

Abschließend möchte ich anmerken, dass es m. E. keinesfalls die Aufgabe der Universitäten ist, AbsolventInnen zu produzieren, die sich sicher durch den bürokratischen Dschungel der öffentlichen Verwaltungen lavieren können. Aufgabe der Universitäten ist, den Studierenden das methodische Handwerkszeug und den kulturhistorischen Überblick zu vermitteln, um archäologisch arbeiten zu können. Es ist schlichtweg unmöglich, für jeden Berufszweig mit archäologischem Hintergrund fundiertes Wissen und entsprechende Soft- und Hardskills vermitteln zu können.

Aufgabe eines Berufsverbandes wäre es nach meiner Meinung, sich auch in die Akkreditierungsverfahren einzubringen und aktiv die entsprechenden GutachterInnen zu schulen. So könnten am schnellsten und am effektivsten die Belange der Praxis in die universitäre Ausbildung einfliessen.

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Re: 4. Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Studierende von ihren Universitäten?

Beitragvon falknaeth » Mo 20. Mär 2017, 15:19

Sehr geehrter Herr Scherf,
ich möchte hierzu aus der Homepage des Vor- und Frühgeschichtlichen Seminars der Philipps-Universität Marburg, wo ich selbst einmal studiert habe, zitieren (https://www.uni-marburg.de/fb06/vfg/stu ... erpraehist; ich habe ein paar Stellen, die für dieses Thema relevant sein dürften, hervorgehoben):

„Gegenstand
Ziel des M.A.-Studiengangs „Prähistorische Archäologie“ ist der Erwerb von vertieften Kenntnissen in verschiedenen Bereichen der prähistorischen Archäologie sowie von wissenschaftlichen Methoden und fachspezifischen Arbeitsweisen. Im Rahmen dieses Studiengangs werden – primär anhand materieller Relikte – die frühen Abschnitte der Menschheitsgeschichte studiert. Arbeitsfeld der prähistorischen Archäologie sind Epochen und Räume – in der Regel – ohne schriftliche Überlieferung; es reicht in Mitteleuropa vom ersten Auftreten des Menschen während der Eiszeit bis zum Beginn der römischen Okkupation im letzten Jahrhundert vor Christus.
Das Studium qualifiziert zu:
- Selbstständigem Erschließen archäologischer Quellen (insbesondere durch Ausgrabungen);
- Wissenschaftlichem Arbeiten auf dem Gebiet der prähistorischen Archäologie;
- Vermittlung von wissenschaftlichen Erkenntnissen innerhalb des Faches und in der Öffentlichkeit (z. B. Museums- und Ausstellungswesen, Publizistik, Journalistik sowie sonstigen Medien).

Ziele
Der M.A.-Studiengang „Prähistorische Archäologie“ baut als konsekutiver, stärker forschungsorientierter und berufsqualifizierender Studiengang auf dem B.A.-Studiengang Archäologische Wissenschaften der Philipps-Universität Marburg oder einem vergleichbaren Studiengang einer anderen Universität auf. Er ist ausgerichtet auf die Berufsperspektiven eines sich wandelnden Arbeitsmarktes, er ermöglicht die Berufslaufbahn in Forschungsinstituten, Museen, Universitäten und in der Denkmalpflege und erschließt außerdem neue Berufsfelder (Journalistik, Touristik, Kulturverwaltung und -management, Verlagswesen, privatwirtschaftliche Archäologie usw.). […]“
Nach dieser schönen Vorstellung klingen Ihre Ausführungen nun doch etwas ernüchternd…
"Größtmöglicher Erfolg oder eine vernünftige Alternative!" (Hägar der Schreckliche)

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Re: 4. Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Studierende von ihren Universitäten?

Beitragvon DScherf » Mo 20. Mär 2017, 15:34

Lieber Herr Näth,

vielen Dank für die Hinweise. ich hatte ja bereits geschrieben, dass sich immer wieder KollegInnen bereit finden, spezielle Lehrveranstaltungen zu Tätigkeitfeldern wie beispielsweise musealer Vermittlung anzubieten. Ich bin ferner durchaus der Meinung, dass Grundlagen archäologischer Ausgrabungstätigkeit vermittelt werden. Allerdings ist es doch utopisch zu erwarten, dass alle Eventualitäten, die auftreten können, im Studium vermittelt werden können.

Ich wollte mit meinen Äußerungen weder desillusionieren oder, wie Sie schreiben, "ernüchtern". Es ging mir vielmehr primär um zwei Aspekte: dass es a) entsprechende Anlaufstellen in den Universitäten gibt, die Antrasstellung, Drittmittelmanagement etc. vermitteln und dass es b) sehr stark auch auf die einzelnen Studierenden ankommt und diese auch die Pflicht haben sich zu informieren und über den Tellerrand zu schauen. Die von Ihnen zitierten Berufslaufbahnen können unmöglich insgesamt für alle Beteiligten (bis hin zu jeder/m ArbeitgeberIn) zufriedenstellend abgedeckt werden. Wir ermöglichen den Studierenden allerdings die Zugänge, indem wir in der Studienordnung ein freies Praktikum verankert haben. Dies kann eben in "Forschungsinstituten, Museen, Universitäten und in der Denkmalpflege [absolviert werden DS] und erschließt außerdem neue Berufsfelder (Journalistik, Touristik, Kulturverwaltung und -management, Verlagswesen, privatwirtschaftliche Archäologie usw.) [ da die Studierenden sich den Bereich des Praktikums selbstständig wählen DS]. Ein großes Problem des Archäologiestudiums, dass es sich mit allen geisteswissenschaftlichen Studiengängen teilt, ist die nur schwer überschaubare Pluralität des Faches, seiner unterschiedlichen Ausrichtungen etc. und eben auch der mit dem geisteswissenschaftlichen Abschluss offenstehenden Berufsperspektiven.

Eine Studienordnung spiegelt natürlich Idealvorstellungen, diese sind aber mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen nicht immer erreichbar. Nichtsdestoweniger sind wir bemüht die Studierenden gut vorzubereiten. Und damit dies für alle Beteiligten und in besserer Abstimmung mit der Praxis geschehen kann, regte ich in meinem Beitrag an, den Berufsverband mit in die Akkreditierungsverfahren bzw. bestenfalls sogar in die Konzeption der Studiengänge mit einzubeziehen. Ob das ein frommer Wunschtraum meinerseits bleibt, wird die Zukunft zeigen müssen.

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Re: 4. Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Studierende von ihren Universitäten?

Beitragvon falknaeth » Mo 20. Mär 2017, 15:40

Sehr geehrter Herr Scherf,
aus anderen Disziplinen, wie den Ingenieurswissenschaften oder der Informatik kenne ich direkte Kooperationen mit Unternehmen innerhalb von FuE-Projekten. Können Sie sich dieses Modell auch bei der universitären archäologischen Ausbildung vorstellen?
"Größtmöglicher Erfolg oder eine vernünftige Alternative!" (Hägar der Schreckliche)

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Re: 4. Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Studierende von ihren Universitäten?

Beitragvon DScherf » Mo 20. Mär 2017, 15:52

Sehr geehrter Herr Näth,

grundsätzlich birgt diese Art von Zusammenarbeit meiner Meinung nach großes Potential. Ich kenne verschiedene Studierende, die neben dem Studium fest in Grabungs- oder Prospektionsfirmen bzw. einem Landesdenkmalamt quasi als eine Art "Werkstudierende" arbeiten. So lassen sich theoretische Kenntnisse natürlich praktisch am besten erproben. Das Potential hierbei liegt in der engen Kooperation zwischen den Institutionen als auch in der Möglichkeit besonders begabte Studierende zu fördern. Im besten Fall können sich Universität und Unternehmen bei der Methodenentwicklung oder der Umsetzung konkreter Forschungsvorhaben ergänzen und zusammenarbeiten. Ein besonderer Vorteil dürfte darin liegen, dass für Firmen bspw. vieles unbürokratischer möglich ist. Ich weiß zumindest im Bereich der SfM-Entwicklung von einigen Universitätsinstituten die mit Informatikern und auch privatwirtschaftlichen Softwareentwicklern zusammenarbeiten. Wie konkret eine solche Zusammenarbeit in der Archäologie möglich und sinnvoll wäre, ist, wenn ich es momentan überdenke, eine eigene Tagung wert. Dabei ist allerdings in der Bürokratie eher die Frage nach dem "Wie" und nicht die Frage nach dem "Ob" etwas möglich wäre in den Vordergrund zu stellen.

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Re: 4. Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Studierende von ihren Universitäten?

Beitragvon raykarl » Mo 20. Mär 2017, 16:24

Lieber Kollege Scherf,
Allerdings ist es doch utopisch zu erwarten, dass alle Eventualitäten, die auftreten können, im Studium vermittelt werden können.
Naja, ich hatte nicht den Eindruck, dass die VorrednerInnen die tatsächlich utopische Forderung aufgestellt hätten, dass 'alle Eventualitäten, die auftreten können, im Studium vermittelt werden' sollten. Vielmehr haben diese den eher bescheidenen Vorschlag gemacht, vielleicht ein Seminar durch eine berufspraktischere Einführungsveranstaltung zu ersetzen. Das ist meiner Meinung nach nun keineswegs utopisch, sondern einigermaßen sinnvoll.

Sie haben natürlich recht, dass ein Archäologiestudium seine AbsolventInnen aufgrund der Breite des Fachbereichs nicht auf alle Teilgebiete des Faches gleichermaßen vorbereiten kann. Den 'Disput' zwischen Grabungsfirmen, die jammern, dass die Graduierten, die ihnen die Unis 'schicken', so gut wie gar nichts von dem können, was man im 'Grabungsmarkt' braucht und den Unis, die darauf insistieren, dass sie Studierende nicht ('nur') für die Arbeit in Grabungsfirmen vorbereiten können, gibt es daher überall gleichermaßen, auch international (letzte Woche beim halbjährlichen Meeting von University Archaeology UK, also der britischen Unilehrervertretung, haben wir unter anderem genau diese Diskussion wieder einmal gehabt).

Gleichzeitig muss man sich gerade als Uni bzw. deren Angestellter auch die Frage gefallen lassen, wie man auf seiner Homepage behaupten kann, das Studium qualifiziere zur Arbeit in der Denkmalpflege, und dann nicht einmal einen Pflichtkurs zu Denkmalschutzrecht und -praxis anbietet. Nun weiß ich zwar nicht, wie das bei Ihnen an Ihrer Uni ist, aber an der Uni, an der ich studiert habe und teilweise inzwischen auch lehre, steht schon seit Ewigkeiten das Gleiche in der Studienordnung (und auf den Webseiten) für das Urgeschichtsstudium, aber bis vor vergleichsweise kurzer Zeit gab es keine LVs zu der Thematik (inzwischen gibt es die aber schon, um das auch dazu zu sagen; und auch zum Grabungsmanagement).

Hinzu kommt, dass die Studienordnung selbstverständlich - bei aller Holschuld für Studierende, was 'zusätzliche Fähigkeiten' betrifft - auch vermittelt, was die Lehrenden als Bringschuld der Universität erachten; d.h. was sie als 'unumgänglich' für eine Berufsausbildung als 'Archäologe/Archäologin' erachten; und was sie für 'eher nebensächlich' halten. Die Studienordnung stellt somit tatsächlich in noch viel konkreterem Sinn eine 'Idealvorstellung' dar, was ein (angehender) Archäologe (nach dem Studienabschluss) 'können soll', um für das Berufsleben einigermaßen gut vorbereitet zu sein. Inwieweit hier die Universitäten und die dort Lehrenden (und zwar nicht nur in Deutschland) in den letzten Jahren und Jahrzehnten weit genug 'mit der Zeit gegangen' sind und ihre Studienordnungen aktuellen Bedürfnissen angepasst haben, lässt sich durchaus kritisch hinterfragen und diskutieren. Oftmals hat man den Eindruck, dass die heutigen Studienordnungen noch weit stärker die Lehrpläne der Ahnherrn unserer Fächer, die die jeweiligen Lehrstühle (oder archäologische 'Denkschulen') gegründet haben wiederspiegeln als 'moderne Notwendigkeiten'.

Inwieweit hier eben ein Berufsverband, der auch eine 'professionelle Akkreditierung' universitärer Studiengänge vornimmt, helfen kann, die Universitäten aus ihrem (wenigstens teilweise tiefen) Dornröschenschlaf zu wecken, kann man wenigstens hoffen, wenn auch noch nicht wirklich absehen, weil es noch keine Vergleichsbeispiele gibt (wenigstens soweit ich das weiß - in GB verhandeln wir das ja gerade erst; und bisher war diese Aufgabe den Universitäten selbst im Wege der Quality Assurance Agency überlassen, im Wege des akademischen 'benchmarkings').

Liebe Grüße,

Ray
Prof. PD Mag.Dr. Raimund KARL FSA FSAScot MCIfA
Professor of Archaeology and Heritage
Prifysgol Bangor University
School of History and Archaeology
College Road
Bangor, Gwynedd LL57 2DG
United Kingdom
r.karl@bangor.ac.uk


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