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3. Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Grabungsfirmen für Studierende?

Was und wen soll ein erfolgreicher Berufsverband für die Archäologie umfassen? Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Grabungsfirmen für Studierende und Studierende von ihren Universitäten?
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Frank Siegmund
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3. Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Grabungsfirmen für Studierende?

Beitragvon Frank Siegmund » So 19. Mär 2017, 20:14

Klagen „aus der Praxis“ über mangelnde Kenntnisse frischer Universitätsabsolventen sind vermutlich so alt wie das Studieren und gewiss nicht auf die Archäologie begrenzt. Neben berechtigter Kritik z.B. an praxisferner Universitätsbildung wird dahinter gelegentlich auch Menschlich-Allzumenschliches stecken: die erfahrenen Praktiker betonen damit ihre eigene Kompetenz und zeigen dem jungen, auf seinen frischen Abschluss stolzen Nachwuchs, „wo der Hammer hängt“. Eine gewisse Toleranz und ein gewisses Vertrauen in die anhaltende Lernbereitschaft der Jungen sollte geboten sein. Werden jedoch bestimmte Defizite von den typischen Arbeitgebern immer wieder genannt, könnte es sinnvoll bis notwendig sein, systematisch Abhilfe zu schaffen. Das kann auf die Aufnahme bestimmter Themen in den Bildungskanon der Universitäten hinauslaufen, oder auch auf das Sich-Zusammen-Tun von Arbeitgebern, um Anfängern berufsbegleitend spezifische Zusatzkenntnisse zu vermitteln.
Beide Ansätze sind endlich: Wer in volle Lehrprogramme weiteren Stoff hineinpacken möchte, muss auch konkretisieren, was dafür weggelassen werden soll. Wer berufsbegleitende Bildung fordert, muss einen Plan haben, wer das wie finanzieren soll. Daher ist klar, dass es hier nicht darum gehen kann, Wolkenkuckucksheime zu errichten. Gleichwie sei hier die Debatte eröffnet: Gibt es Themen, wo die Defizite der Universitätsabsolventen so schwerwiegend und für den Beruf so wichtig sind, dass man sie als von allgemeiner Bedeutung auffassen und Pläne für deren Behebung schmieden sollte?

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falknaeth
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Re: 3. Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Grabungsfirmen für Studierende?

Beitragvon falknaeth » Mo 20. Mär 2017, 08:45

Realistisch gesehen können Studierende während ihres (nicht zuletzt auch durch den Bologna-Prozess gestrafften) Studiums nur Einblicke in praktische Ausgrabungen gewinnen. Das „richtige Auge“ für Originalbefunde auf unterschiedlichen Böden erhält man erst durch intensive Feldpraxis, die über Praktika von wenigen Wochen hinausgehen. So erlebe ich es immer wieder, dass Podsol auf dem ersten Planum für Befunde gehalten, weil sich die Sesquioxide durch z.T. kreisrunde dunkle Flecken vom hellen Untergrund abheben – eben ähnlich wie Pfostengruben. Da muss man schon genauer hinsehen – und letztlich mit diesem Boden vertraut sein.
Gerade wissenschaftliche Grabungsleiter müssen für Ihre Arbeit zudem zahlreiche Softskills entwickeln, die einfach nicht Gegenstand eines archäologischen Studiums sein können: Denn der beste Wissenschaftler nützt auf baubezogenen Ausgrabungen wenig, wenn er nicht in der Lage ist, seine Crew zusammenzuhalten und deren Sicherheit zu koordinieren und zu gewährleisten oder diplomatisch mit den Baugewerken in Kontakt zu treten. Solche Führungsqualitäten kann man wirklich noch nicht von jungen Absolventen verlangen.
Daher halte ich es für sinnvoll, „frische Archäologen“ zunächst langsam an die Tätigkeit als Feldarchäologe heranzuführen, begleitet von alten Routiniers und „altgedienten“ Grabungstechnikern und –arbeitern, die Nachsicht mit Anfangsfehlern haben und Kniffe, Tricks sowie einen sinnvollen sozialen Umgang mit anderen Gewerken vermitteln können.
Ich selbst habe in meiner Anfangszeit von einem solchen Routinier viel lernen können, einem wirklich erfahrenen und in der Grabungstechnik versierten Mann, der im Übrigen zwar oft im öffentlichen Dienst als Grabungsleiter eingesetzt wird, aber bis heute auf seine Anerkennung als „Grabungstechniker“ wartet… (hier sind wir wieder bei dem Thema der Grabungstechnikerausbildung).
Aber die Frage lautete, welche berufvorbereitende Bildung sich Grabungsfirmen für Studierende wünschen: Ich wünsche mit da ein Grundwissen der rechtlichen Gegebenheiten – und ein gewisses Verständnis für eine effiziente Projektplanung. Durch einem unserer Projketpartner, dem Seminar für Fertigungslehre & Fabrikplanung der Hochschule Wismar, habe ich sehr eindrucksvoll erfahren können, wie Fertigungsprozesse in entsprechenden - theoretischen - Übungen geplant und durchgespielt werden können. Das wäre wirklich ein wunderbarer Gedanke: Übungen an den archäologischen Fachbereichen, in denen baubegleitende Ausgrabungen geplant und diese Planung in Kontakt mit den „Praktikern“ durchgesprochen und reflektiert werden. Wäre so etwas möglich?
"Größtmöglicher Erfolg oder eine vernünftige Alternative!" (Hägar der Schreckliche)

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Re: 3. Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Grabungsfirmen für Studierende?

Beitragvon Sascha Piffko » Mo 20. Mär 2017, 16:02

Ich möchte aus eigener leidvoller Erfahrung sprechen.
Zwar hatte ich sehr viel Grabungserfahrung sammeln können, als ich dann jedoch meine erste Grabungsleitung antrat, wurde ich von der Vielzahl der neuen Anforderungen etwas überrumpelt: Wir kappten unvorhergesehen ein Starkstromkabel, mussten Schnitte bis Tiefen von über 3 m anlegen, ich musste neue Leute anweisen, für die Sicherheit sorgen, Pressearbeit, ... Die folgenden Jahre wurden nicht besser.

Wenn jemand eine dreijährige Berufsausbildung macht, dann bekommt er jede Menge Praxis und Theorie für die harte Realität des Berufes.
Archäologen mit Abitur, Bachelor und Master, möglicherweise Doktortitel haben nicht wirklich Ahnung von Museumsarbeit, Betriebswirtschaft, Menschenführung, Arbeitssicherheit, Denkmalschutz etc. also von keiner einzigen Sparte der praktischen Archäologie, außer graben, zeichnen, mit Glück vermessen.
Viele wissen nicht einmal was

An meiner Heimatuniversität bietet meine Firma derzeit eine Veranstaltung "Einführung in die Praxis der Archäologie" an.

Was solten die Institute neben der Wissenschaft vermitteln:

Professionelles Arbeiten, das bedeutet:
Grundlagen der Arbeitssicherheit (wer Führungskraft sein will ist hierfür verpflichtet, egal ob Museum, Grabung, Behörde)
Grundlagen der Betriebswirtschaft (jeder Freiberufler sollte dies wissen, aber auch Behördenleiter, etc.)
Grundlagen einer Grabungsleitung (Organisation, Vorbereitung, Genehmigungen etc.)
Grabungsrichtlinien
Grabungstechnik: Vermessung, Zeichnung, Fundinventarisierung
Fotokurse, Umgang mit Kamera.
Ausstellungsgestaltung
Museumsarbeit
Grundlagen Denkmalschutzrecht

Natürlich muss nicht alles hundertprozentig sitzen, aber jedes Semester ein bis zwei Module würden zusammen mit den regulären Praktika eine profunde Kenntnis des Berufes gewährleisten.


Wer kann diese Ausbildung gewährleisten?

Ein Berufsverband zum Beispiel könnte selbst entsprechende Kurse anbieten. Oder auch Kursleiter an die Universitäten senden mit Lehraufträgen.
So könnte ein vergleichbarer Qualitätsstandardgewährt werden und aktive Verbandsmitglieder könnten einen Job angeboten bekommen, bzw. der Verband hätte eine Einkommensquelle und die Möglichkeit an Universitäten präsent zu sein.
Forschung und Denkmalschutz darf nicht zu Lasten der Forscher und Denkmalschützer gehen.
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Re: 3. Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Grabungsfirmen für Studierende?

Beitragvon JanSchneider » Mo 20. Mär 2017, 18:28

Ich sehe bei der universitären (internen) Ausbildung noch ein paar Schwierigkeiten:

- Es gibt ja letztlich nicht DAS Archäologiestudium, sondern mittlerwelche unendlich viele Fachrichtungen, die jeweils mit einem eigenen Studiengang versehen sind. Erfahrungsgemäß sind Übungen mit Praxisnähe jeweils an den Eigenheiten des entsprechenden Faches orientiert und sind daher oft nicht unbedingt für unsere täglich Arbeit hilfreich.

- Des Weiteren ist es für das ständige Unipersonal schwierig bis unmöglich die tatsächlichen aktuellen Anforderungen der außeruniversitären Archäologie vor Augen zu haben, da an der Uni zumeist völlig andere Tätigkeiten und Notwendigkeiten im Mittelpunkt stehen.

Ich sehe daher die oben schon angeklungene zusätzliche Qualifikation von außen (egal ob durch Zusatzkurse außerhalb der Uni oder bspw. Grabungsfirmen mittels Lehrauftrag an Universitäten) als sinnvollste Lösung. Damit können fachübergreifende Angebote für alle interessierten Archäologiestudenten geschaffen werden, die vielleicht das ein oder andere Handwerkszeug vermitteln.

Ehrlicherweise muss man aber klar sehen, dass an dem genannten Lernprozess während der praktischen Arbeit selbst, aus den Gründen die schon falknaeth genannt hat, nie ein Weg vorbei gehen wird. Es ist schlußendlich m.E. nicht möglich einen voll einsatzfähigen Grabungsleiter durch reine Uniausbildung zu generieren. Man könnte aber sicher durch ein erweitertes Angebot vor allem das Interesse der Studis an der eigenen Weiterbildung für den praktischen Bereich vermitteln.

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Re: 3. Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Grabungsfirmen für Studierende?

Beitragvon InTerraVeritas » Di 21. Mär 2017, 13:36

Ich kann mich der Aussage von JanSchneider nur anschließen, wenn er sagt:
Es ist schlußendlich m.E. nicht möglich einen voll einsatzfähigen Grabungsleiter durch reine Uniausbildung zu generieren.
Gleichzeitig hat aber auch Sascha Piffko gute Vorschläge gebracht wie das Studium neben der Vorbereitung auf eine wissenschaftliche Kariere auch die Praxis mit einbeziehen kann.

Der Modus Delegierte eines wie auch immer gearteten BV an die Unis zu schicken ist sicherlich auch eine überlegenswerte Anregung. Leider bin ich was uni-interne Verwaltung angeht nicht so bewandert, dass ich beurteilen kann auf wieviel Gegenliebe dieses Ansinnen stoßen würde.

Ergänzend zu den beiden bereits angesprochenen Komplexen möchte ich nur zwei ganz konkrete Vorschläge vorbringen:

Das Studium selbst streift viele Teilbereiche und ermöglicht den Studenten einen kurzen Einblick in das weite Feld der Themen. Was dabei meiner Erfahrung nach zu kurz kommt ist die Arbeit am eigentlichen Objekt. Wenn ich Bachelor- oder Master-Studenten auf der Grabung habe, die nicht entfernt wissen wie sie Funde ansprechen oder datieren sollen kann ich Ihnen normalerweise nur Literatur geben, die sie selber durcharbeiten müssen. Den fehlenden Wissensstand zu einzelnen Fundgattungen kann ich auf dem Feld nicht ausgleichen. Da wäre meines Erachtens nach schon eher Sache der Universität. Der Vorschlag hier wäre demnach: Verpflichtende Seminare die sich mit einzelnen Fundgattungen im Detail mit regionaler und chronologischer Entwicklung auseinander setzen. Viele finden z.B. Keramik langweilig, wenn sie aber 90% des Fundguts ausmacht, sollte man schon wissen was man vor sich hat.

Als Zweites möchte ich die eigentliche Feldarbeit anführen. Als Magisterstudent war es möglich mehr oder weniger durchgängig auf Grabungen zu arbeiten, so dass man am Ende des Studiums tatsächlich zumindest für kleinere Grabungen als Grabungsleiter einsetzbar war (das von Sascha erwähnte Überrollt-werden habe ich zwar auch überlebt und gehört wohl auch dazu, der Umgang mit unvorhergesehenen Situation fällt aber leichter). Mit dem gegenwärtigen Bologna-System haben die Studenten, selbst wenn sie mehr wollten nur für ein paar Wochen im Sommersemester die Chance praktische Erfahrung zu sammeln. Diese drei oder vier Wochen reichen aber nicht aus eine Grabung von Anfang bis Ende (also Oberbodenabtrag bis Berichtsabgabe) zu verfolgen und so alle nötigen Schritte kennenzulernen. Eine Anerkennung der Mitarbeit auf Rettungsgrabungen als ECTS-fähige Arbeitsleistung zum einen und zum anderen eine einfachere Möglichkeit abseits von Urlaubssemestern und Teilzeitstudium in der Praxis zu arbeiten würde da allen Seiten sehr nützen.

Es würde mich sehr interessieren wie Mitarbeiter eines archäologischen Lehrstuhls die hier diskutierten Punkte sehen. Evtl. übersehen wir hier wichtige Punkte die ein Insider vorbringen kann.

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Re: 3. Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Grabungsfirmen für Studierende?

Beitragvon Frank Siegmund » Di 21. Mär 2017, 14:51

Sehr geehrter InTerraVeritas,

mit meinem Herzen bin ich ganz bei Ihnen! Doch leider wird die Sache mit der Kenntnis von Fundmaterial sehr individuell bleiben, d.h. auch von Uni zu Uni unterschiedlich. Einigen Uni-Kollegen ist Materialkenntnis wichtig und folglich bieten sie auch Lehre dazu an (auch: Lehrsammlung), anderen nicht. Hier gilt nur: die "Verbraucher" müssen Druck machen und ihrerseits öffentlich & gut wahrnehmbar immer wieder sagen, dass das für sie ein Einstellungskriterium ist. Ich war im Frühjahr 2016 dabei, als A. Wieczorek als Generaldirektor der Reiss-Engelhorn-Museen eben dies auf einer großen Tagung sagte, wo auch Studierende anwesend waren. Wenn die Betroffenen es nicht hören, ist ihnen auch nicht zu helfen.

Die Sache mit Kreditpunkten für uni-externe Grabungen: An meiner damaligen Uni während der Bologna-Reform habe ich das versucht, 1/2 Jahr Pflicht-Grabung (oder Museum) in der Masterphase. Antwort der Kollegen (!, nicht "Verwaltung"): geht nicht, weil wir als Uni können ja nur Kreditpunkte vergeben, wenn wir die Punkte auch selbst validieren/prüfen können. Wie, Herr Siegmund, wollen Sie externe Grabungen validieren. Antwort: dann muss mir ein Grabungsbericht vorgelegt werden, und ich validiere aufgrund des Berichts. Dann gab's da noch das vorgeschobene Problem: wenn verpflichtend, dann muss die Uni auch das Lehrangebot garantieren, usw. usf. In Summe zeigte mir die Debatte, dass das nicht gewollt wurde (und das Verständnis für "Praxis" bei vielen Kollegen recht begrenzt ist). Daher meine persönlichen Erwartungen: über das hinausgehend, was heute in den Ordnungen verankert ist, dürfte das sehr sehr schwer werden, wegen des Unwillens vieler Beteiligter auf verschiedenen Ebenen. Studienordnungen macht man nämlich heute nicht mehr solo (ade Autokratie & Ordinarienherrlichkeit), sondern als Fachbereich, als Fakultät, d.h. bei kleinen Fächern entscheiden letzlich Fachfremde über ein Fach.

Die Lösung der Museen aus dem Dilemma lautet ja seit langem "Volontariat". Sprich: sie haben akzeptiert, dass Uni-Absolventen wichtiges Know-How fehlt und haben daher 2-jährige Volontariate eingeführt, damit Interessierte sich Museums-Wisssen und -Erfahrungen aneignen können. Nach allerlei Wildwuchs hat der Deutsche Museumsbund unter starker Mitwirkung der Volontäre klare Regeln eingeführt (per Selbstverpflichtung), was ein Volontariat beinhalten sollte und wie es mindestens bezahlt sein sollte. Nähere Infos hier: http://www.museumsbund.de/de/fachgruppe ... tariat_ak/ Aus meiner Sicht ist das ein realistischeres Modell, bei dem man selbst zupacken kann und auf Sicht zu Ergebnissen kommt, statt auf Uni zu hoffen: der Berufsverband stellt Regeln für ein "Volontariat privatwirtschaftliche Archäologie" auf und holt die Interessierten unmittelbar nach der Uni dorthin. Das wäre dann ein Geben & Nehmen: der Volontär und die Firma verpflichten sich gegenseitig auf (z.B.) 2 Jahre, am Anfang ist der Volontär ev. kaum einsetzbar (also Firma investiert), aber im 2. Jahr dann vermutlich eine günstige Arbeitskraft (Firma profitiert).

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Re: 3. Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Grabungsfirmen für Studierende?

Beitragvon raykarl » Di 21. Mär 2017, 15:00

Es würde mich sehr interessieren wie Mitarbeiter eines archäologischen Lehrstuhls die hier diskutierten Punkte sehen. Evtl. übersehen wir hier wichtige Punkte die ein Insider vorbringen kann.
Den Punkt mit der Fundansprache und Datierung auf der Grabung kann ich nicht wirklich nachvollziehen, weil wozu muss man auf der Grabung Funde korrekt typologisch ansprechen und datieren können? Das ist von mir aus für das Grabungsbericht schreiben nach der Grabung relevant, aber auf der Grabung sehe ich den Nutzen davon nicht wirklich. Aber gut, Eure Arbeitsabläufe mögen anders sein als unsere. Davon abgesehen: eine auch nur ansatzweise vollständige Ausbildung in der Fundansprache und Datierung, die das ermöglicht, was Du Dir vorzustellen scheinst, scheint mir im Rahmen eines normalen Universitätsstudiums nicht möglich zu sein, nicht einmal, wenn man sich nur auf das Bundesland beschränkt, in dem die Uni liegt. Beispielhaft an ein paar Fundgattungen in ein paar beschränkten Zeiträumen passiert das eh oft, aber wenn man alles machen wollen würde, dann ginge sich das zeitlich schon gar nicht aus. Und Unis können, um das trocken zu sagen, auch nicht nur Leute für ihr Bundesland ausbilden, sondern müssen - gerade in Hinblick auf die Arbeitsmarktsituation - AbsolventInnen wenigstens die deutschlandweite Arbeit halbwegs ermöglichen...

Stärkere Einbindung von Berufspraxis geht hingegen an sich im Bologna-System weitgehend problemlos. Wenn man ein Modul entsprechend gestaltet (also z.B. einen Prüfungsmodus entwickelt, mittels dessen der Lernerfolg auf einer uniexternen Grabung überprüft werden kann, dafür gibt es auch schon zahlreiche Beispiele; und ein System hat, mit dem man sicherstellen kann, dass die Studierenden tatsächlich auf diesen Grabungen auch was lernen und nicht nur als billige Schaufler eingesetzt werden), geht das ganz einfach. Das einzige wirkliche Problem ist, ab wann so ein Praktikum dann eines wird, wo der Studierende auch bezahlt werden muss...

Auch spricht nix dagegen, Delegierte eines BV oder generell 'Praktiker' in die universitäre Lehre einzubinden, dazu gibt es zahllose verschiedene Möglichkeiten, von spezifischen Lehraufträgen bis hin zu gemeinsamen LVs.

Liebe Grüße,

Ray
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Re: 3. Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Grabungsfirmen für Studierende?

Beitragvon raykarl » Di 21. Mär 2017, 15:08

Aus meiner Sicht ist das ein realistischeres Modell, bei dem man selbst zupacken kann und auf Sicht zu Ergebnissen kommt, statt auf Uni zu hoffen: der Berufsverband stellt Regeln für ein "Volontariat privatwirtschaftliche Archäologie" auf und holt die Interessierten unmittelbar nach der Uni dorthin. Das wäre dann ein Geben & Nehmen: der Volontär und die Firma verpflichten sich gegenseitig auf (z.B.) 2 Jahre, am Anfang ist der Volontär ev. kaum einsetzbar (also Firma investiert), aber im 2. Jahr dann vermutlich eine günstige Arbeitskraft (Firma profitiert).
So ähnlich geht das auch schon in GB, wo sich nicht zuletzt CIfA stark um die sogenannten NVQs (National Vocational Qualifications) bemüht und zwei 'Archäologie'-NVQs einzuführen geholfen hat. Das ganze läuft im Endeffekt so ähnlich wie eine einjährige 'Lehre' ab, die man 'arbeitsbegleitend' erledigen kann. Man braucht dafür nicht einmal einen Studienabschluss, sondern kann auf diesem Weg auch tatsächlich 'Archäologie als Lehrberuf' erlernen. Die meisten (der sehr wenigen Leute), die das bisher gemacht haben, haben es bisher aber hauptsächlich erst nach einem (ersten oder sogar zweiten) Studienabschluss in der Archäologie gemacht; meist noch dazu finanziert durch (meist staatliche) Unterstützung. Aber im Prinzip kann man das durchaus als etwas sehen, was so ähnlich funktioniert wie 'Volontariate' in Deutschland...

Liebe Grüße,

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Re: 3. Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Grabungsfirmen für Studierende?

Beitragvon falknaeth » Di 21. Mär 2017, 15:31

Hallo Herr Karl,
wenn man in Deutschland ein Modell verfolgen möchte wie Sie es mit den Worten beschreiben...

"Das ganze läuft im Endeffekt so ähnlich wie eine einjährige 'Lehre' ab, die man 'arbeitsbegleitend' erledigen kann."

...so möchte ich - bei aller Begeisterung, die ich hierfür aufbringe, noch anmerken, dass "Volontariate" und "begleitende Praktika/ Ausbildungen" wunderbar geeignet sind, den Mindestlohn auszuhebeln... Wenn ich etwas konkreter werden darf, so könnte ich mir - ähnlich wie Sie es für GB beschreiben - eine 1-2 jährige Ausbildung (gern auch für jene, die keine Chance auf die derzeitigen Grabungstechniker-Ausbildungsstellen haben) durchaus auch betrieblich vorstellen, jedoch mit vom Berufsverband festgelegten Lohnsätzen oberhalb des Mindestlohns als eine der Voraussetzungen für eine Anerkennung. Das böte jungen Absolventen einen soliden Einstieg in die Grabungsleiterpraxis und den Betrieben die Möglichkeit, eigenes Fachpersonal, auch Grabungstechniker, auszubilden.
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Re: 3. Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Grabungsfirmen für Studierende?

Beitragvon raykarl » Di 21. Mär 2017, 15:36

...anmerken, dass "Volontariate" und "begleitende Praktika/ Ausbildungen" wunderbar geeignet sind, den Mindestlohn auszuhebeln...
Gehe vollständig d'accord: das muss natürlich so gestaltet werden, dass der Mindestlohn nicht ausgehebelt wird. In GB geht das auch nicht: hier ist wenigstens der gesetzliche Mindestlohn zu zahlen, punktum. Nicht dass ich viel von britischem Arbeitsrecht halte, und nicht, dass man das nicht auch unterlaufen kann; aber in dem Punkt gilt das: die NVQs sind neben 'normal' bezahlter Arbeit zu machen, nicht statt bezahlter (oder in unterbezahlter) Arbeit. Das müsste natürlich ein deutscher BV auch sicherstellen, dass solche '´Grabungsvolontariate' (oder wie auch immer man das dann nennt) nicht unter dem Mindestlohn (und zwar nicht nur dem gesetzlichen, sondern dem fachintern vom BV vorgegebenen Mindestlohn) durchgeführt werden dürfen.

Liebe Grüße,

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