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Das Tagungsprogramm finden Sie hier "DGUF Tagungsprogramm 2017"


Die Zusammenfassungen zu den einzelnen Sektionen finden Sie hier: Zwischenergebnisse der Sektionen und Themen

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2. Gewerkschaft oder Berufsverband: was ist die angemessene Organisationsform?

In dieser Sektion diskutieren wir allgemein über das Thema "Berufsverband für die Archäologie": Braucht die deutsche Archäologie einen Berufsverband? Gewerkschaft oder Berufsverband: was ist die angemessene Organisationsform?
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Frank Siegmund
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2. Gewerkschaft oder Berufsverband: was ist die angemessene Organisationsform?

Beitragvon Frank Siegmund » Sa 4. Mär 2017, 18:02

Gewerkschaft oder Berufsverband: was ist die angemessene Organisationsform?

Beim Gedanken an einen Zusammenschluss Einzelner, um gemeinsam Probleme im Berufsleben anzugehen, liegt der Gedanke an eine Gewerkschaft als Organisationsform nahe. Man könnte eine Gewerkschaft gründen oder - eher - an eine der großen bestehenden Gewerkschaften andocken, beispielsweise ver.di oder die GEW. Dieser Weg kann auch in der Archäologie zielführend sein, obwohl Archäologinnen und Archäologen eine quantitativ kleine Gruppe zu sein scheinen. So ist es beispielsweise dem Mitte 2016 formal gegründeten "Verband für Grabungstechnik und Feldarchäologie e. V." gelungen, eine Vereinbarung zwischen ver.di und der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände zu erreichen, welche die Eingruppierung des Grabungspersonals per 1.1.2017 in die bestehenden Tarifgruppen des geltenden Tarifvertrags (TVöD) regelt. Für alle bei staatlichen Stellen angestellten Ausgräberinnen und Ausgräber und den Bereich Restaurierung besteht nun ein transparentes Regelwerk (s. Rundbrief Grabungstechnik 10, 2016, 1-17). Ein großer Erfolg!

Eine Gewerkschaft lebt indes vom Gegensatz und vom Dialog – oft auch Disput – zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, d. h. zwei klar unterschiedlichen Rollen. Ist dies ein der archäologischen Arbeitswelt durchweg adäquates Modell? - wo es in der Praxis neben Beamten und Angestellten auch viele Selbständige gibt oder kleine Firmen, die sich eher als Team verstehen denn als Chef und Angestellte/Arbeiter. Wo wir uns doch eher gemeinsam vor allem als Archäologen wahrnehmen. Zudem ist bei Gewerkschaften der Streik ein zentrales Mittel der Auseinandersetzung. Würden Archäologen streiken? - und wen träfe ein solcher Streik? Die allermeisten von uns eint eine große Hingabe an die Archäologie. Würden wir z. B. wirklich inmitten einer Ausgrabung streiken - wissend, dass der Verursacher nach wenigen Tagen weiterarbeiten und damit die Befunde und Funde vernichten darf? Und was wäre mit all den Kollegen, die nicht im Grabungsgeschäft tätig sind, sondern z. B. forschend. Was wäre das für ein Streik, der die Fertigstellung eines Fachartikels, der Dissertation oder des nächsten Drittmittelantrags verzögert?

In dem Arbeitspapier Organisationsformen "Organisationsformen: Was unterscheidet einen Berufsverband von einer Gewerkschaft, einem Unternehmer-/Arbeitgeberverband und einer Fachgesellschaft?" (hier: Kategorie "DGUF-Tagung 2017", Thema "4. Materialien zur Einarbeitung ins Tagungsthema") haben wir versucht, die verschiedenen Organisationsformen zu definieren und ihnen als Beispiel auch bestehende archäologische Organisationen zugeordnet. In einem separaten Arbeitspapier "Beruf, Professionalität, Berufsethik und Berufsverband: was bedeutet das, und was sind die grundlegenden Prinzipien eines Berufsverbands?" sind wir als Alternative zur Gewerkschaft vertiefend auf die Prinzipien und Wirkungsweise eines Berufsverbands eingegangen, wobei wir uns an dem großen Berufsverband CIfA der britischen Archäologie orientiert haben.

So, wie auf der Grabung mal der Bagger, mal die Schaufel, mal die Kelle zum Einsatz kommt, sollten wir nach meiner Überzeugung auch hier nicht erwarten, dass ein Instrument alle Probleme löst; vermutlich wird weder eine Gewerkschaft, noch ein Berufsverband, noch eine NGO alle Probleme, die in dieser Vortagung auf den Tisch kommen, lösen. Daher sollten wir in unserer Vortragung schon am Beginn klären, welche Instrumente für welchen Zweck schon zur Verfügung stehen und gut funktionieren, und welches Instrument für welchen Zweck unbedingt noch ergänzend benötigt wird.

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Re: 2. Gewerkschaft oder Berufsverband: was ist die angemessene Organisationsform?

Beitragvon Ickerodt » Do 9. Mär 2017, 09:11

Ich kann das Gesagte inhaltlich nur unterstützen. Aber was sind Archäologinnen und Archäologen? Mit Blick auf den Arbeitsalltag scheint mir die Fokussierung auf das 'akademische' Kollegium zu einseitig. Im Arbeitsalltag stehen vom Grabungstechniker bis zum Grabungsarbeiter/-helferInnen mit der gleichen Leidenschaft die gleichen Unbilden aus. Insbesondere die letztgenannten haben noch weniger eine Lobby. Daher würde ich dafür plädieren, das Thema der Berufsgruppe an dieser Stelle etwas weiter zu fassen.

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Frank Siegmund
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Re: Gehören nicht auch Techniker und Grabungsarbeiter /-helfer dazu?

Beitragvon Frank Siegmund » Do 9. Mär 2017, 10:31

Wichtige Frage und meiner persönlichen Meinung nach auch die richtige Haltung. Als Mit-Organisator dieser Tagung habe ich darauf geachtet, dass wir die Kollegen auch miteinzubeziehen versuchen, also z.B. auch den Verband der Restauratoren eingeladen, sich hier zu beteiligen und den 2016 gegründeten Verband der Grabungstechniker. Letzterer hat gestern per Newsletter alle seine Mitglieder auf unsere Tagung aufmeksam gemacht und ihnen ein mitmachen empfohlen, was mich sehr freut. Wir haben das Thema für die Sektion III (Thema 1) ab 20. März auf's Tagungsprogramm gesetzt und hoffen dort auf eine sehr intensive Debatte.

Kleines PS: ...und hier gehört es nicht zum Thema, hier würden wir gerne bei "Gewerkschaft oder Berufsverband" bleiben ;-)

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raykarl
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Re: 2. Gewerkschaft oder Berufsverband: was ist die angemessene Organisationsform?

Beitragvon raykarl » Do 9. Mär 2017, 11:31

Soweit die Frage nach der Gewerkschaft betroffen ist, ist da meiner Meinung nach das Sinnvollste, wenn sich jeder Archäologe und jede Archäologin, die gewerkschaftlich vertreten werden will, an eine schon bestehende Gewerkschaft anzuhängen versucht, ob jetzt in Deutschland ver.di oder eine andere. Ich bin in GB Mitglied bei der UCU (University and College Union), die für Unilehrer mehr oder minder die einzige Option ist, weil für kollegtive Verhandlungen mit dem Arbeitgeber Universität ist nur UCU relevant. Ich nehme an, dass in Deutschland im wesentlichen das Gleiche gilt: ArchäologInnen im universitären Bereich sind vermutlich gut beraten einer Uniangestelltengewerkschaft beiuzutreten, Archäologen im öffentlichen Dienst einer Beamtengewerkschaft, etc. Eine eigene "Archäologengewerkschaft" wird hier wenig bringen, weil sie immer zu klein bliebe. Ein Überbau, mittels dessen sich Archäologen in verschiedenen Gewerkschaften austauschen und koordinieren wäre allerdings vielleicht nicht schlecht, sozusagen ein 'gewerkschaftsübergreifender ArchäologInnen-Rat'.

Ein Berufsverband ist hingegen meiner Meinung nach essentiell: es gibt schon immer in der deutschsprachigen Archäologie eine ganze Reihe 'selbstorganisierter' Regeln mit gesetzesähnlichem Charakter, die nur nirgends aufgeschrieben sind, nur selten explizit ausgesprochen werden, und zu bedeutenden Teilen unethisch sind. Das beginnt im Bereich der 'Fremdausbeutung von SelbstausbeuterInnen' mit der Vorstellung, dass man schon glücklich sein muss, dass man überhaupt in der Archäologie arbeiten darf und dafür halt absolut inakzeptable Arbeitsbedingungen hinnehmen muss und endet damit, dass Studierende von einigen ProfessorInnen als kostenlose ZuarbeiterInnen angesehen werden, denen man dafür - wenn sie sich brav angedient haben - einen Weg in eine fachliche Karriere zu ebnen versucht, so lange sie einem brav dienstbar bleiben und sich ausreichend unterwürfig verhalten. Diese Regeln wurden und werden normalerweise weder diskutiert noch sind sie bisher in irgendeiner Weise innerfachlich 'verhandelbar', geschweige denn fachdemokratisch entwickelt, sondern sind einfach Teil des fachlichen Habitus, der in erster Linie von denen determiniert wird, die die fachlichen Machtpositionen innehaben. Weil die haben als einzige die Gewaltmittel, um vom Habitus abweichendes Verhalten zu sanktionieren und habituskonformes Verhalten zu belohnen. Nachdem diese habituellen Regeln aber so gut wie nie explizit ausgesprochen werden und auch nirgendwo festgeschrieben sind (und daher noch dazu von Kontext zu Kontext variieren können), weiß man oft gar nicht - vor allem wenn man irgendwo 'neu' dazukommt - was diese Regeln sind und kann daher völlig unbeabsichtigt und unwissentlich die ungeschriebenen Regeln brechen.
Ein Berufsverband ermöglicht, das zu ändern: wenn er auf demokratischem Weg explizite Regeln aufstellt, weiß nicht nur jeder, worauf er sich einlässt, wenn er in diesem Berufsstand arbeiten will, sondern es wird auch sehr viel leichter, sich gegen unausgesprochene habituelle Regeln zu wehren, die einem irgendein Chef aufzuzwingen und für deren Nichtbeachtung er einen zu bestrafen versucht. Man kann sich dann nämlich auf einen expliziten fachlichen Regelkanon berufen, der besagt was professionelle ArchäologInnen in ihrer Gesamtheit als richtiges Vorgehen im Bereich des Faches erachten. Da tut sich dann jeder fachliche Machthaber, der anderer Ansicht ist und in seinem Einflussbereich andere Regeln durchsetzen will, um ein Vielfaches schwerer, weil er jeweils begründen muss, warum er sich in einer Weise verhält, den die Fachgemeinschaft in ihrer Gesamtheit als unprofessionell betrachtet. Darum: ein Berufsverband ist essentiell und etwas, was im deutschen Sprachraum bisher schmerzhaft fehlt.
Liebe Grüße,
Ray
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Leif Steguweit
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Re: 2. Gewerkschaft oder Berufsverband: was ist die angemessene Organisationsform?

Beitragvon Leif Steguweit » Fr 10. Mär 2017, 00:09

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
wir sind alle Archäologen, daher ist diese Anrede im Sprachgebrauch verankert und wohl auch legitim. Dennoch arbeiten wir in völlig verschiedenen Anstellungsverhältnissen, und das muss bei der Etablierung des wie und in welcher Form auch immer entstehenden Verbandes bewusst und klar sein.
Um schon mal ein Thema ins Nirvana zu bugsieren: Gewerkschaft scheidet genau aus dem Grunde aus, da sich verbeamtete Hochschullehrer zum Beispiel nicht mit Grabungstechnikern aus der Privatwirtschaft in derselben Gewerkschaft wiederfinden können. Soweit ich weiß, sind Beamte wohl überhaupt nicht gewerkschaftlich organisiert... ;) Auch sonst sollten wir uns zu dem Eingeständnis bewegen lassen, dass offenbar grundlegende Begriffsbestimmungen notwendig sind, um hier nicht eine verbandsrechtliche Parallelwelt zu erfinden:

1. Ein Berufsverband ist eine Körperschaft des privaten Rechts, die sich die Vertretung und Förderung der Belange eines bestimmten Berufsstandes zum Ziel setzt. Weiterlesen in https://de.wikipedia.org/wiki/Berufsverband
Solche Berufsverbände gibt es auch in unserem Fach bzw. den Kulturwissenschaften im weiteren Sinne bereits zuhauf. Sie sind als e.V. organisiert. Die Schlagfertigkeit dieser Vereine hält sich in Grenzen, sie dienen eher einem meist jährlich abgehaltenen Erfahrungsaustausch mit anschließender Vorstandswahl.

2. Eine berufsständische Körperschaft (Kammer) ist eine Körperschaft, die meist öffentlich-rechtlich und dann in Deutschland wiederum meist landesrechtlich organisiert ist und Aufgaben der berufsständischen Selbstverwaltung wahrnimmt. Weiterlesen in https://de.wikipedia.org/wiki/Berufsständische Körperschaft

Ohne jetzt gleich mit der Tür ins Haus fallen zu wollen, gibt es viele Gründe, dass sich die selbständigen Archäologen in einer solchen Kammer organisieren. Ich habe seit geraumer Zeit dafür plädiert, solche Kammern zunächst in den Bundensländern zu gründen, wo die Firmenarchäologie etabliert ist und es eine nennenswerte Zahl solcher Firmen und Einzelunternehmer gibt. Ziele sind zum ersten die Verknüpfung mit der landeshoheitlichen Fachaufsicht (sprich: den LfDs), gegebenenfalls auch mit einer Rechtsaufsicht, zum zweiten die Interessenvertretung in allen juristischen und vertragsrechtlichen Belangen. Es spricht natürlich nichts dagegen, zunächst eine bundesweite Kammer zu gründen, wenn denn der Wind of Change erstmal in Gang gekommen ist. Allerdings sollte dann klar sein, dass eine Kammer zugleich für Selbständige und Nichtselbständige weniger fokussiert arbeiten wird als eine Kammer, die sich gezielt für die Selbstverwaltung gleichartiger Probleme einsetzt. Es ist höchste Zeit, dass eine solche Bündelung vertragsrechtlicher Unterstützung aus dem Fach heraus auf die Beine gestellt wird, wobei mindestens ein spezialisierter Rechtsanwalt mit der Kammer zusammenarbeiten sollte.

Ich hoffe, dass wir in diesem Forum bundesweit dazu weiter kommen können. Der Versuch ist es allemal wert, um vielleicht anschließend deduktiv in den Bundesländern aktiv zu werden, wenn die Impulse in den Ländern zu schwach oder zu unorganisert sind.

Grüße, Leif Steguweit (Firmeninhaber in Bayern)

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Frank Siegmund
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Berufsverband vs. Kammer: bitte später

Beitragvon Frank Siegmund » Fr 10. Mär 2017, 07:35

Lieber Leif Steguweit,

über Ihren Beitrag, das Zupackende darin und den Blick nach vorne freue ich mich persönlich sehr! Als Mitorganisator der Tagung muss ich sagen: noch zu früh. Weil: in einem kleinen, nicht öffentlichen Versuchs-Forum vorab und auch in einer wertvollen, jedoch gänzlich chaotisch verlaufenden Debatte auf Facebook haben wir gelernt, dass eine solche Online-Tagung eine Struktur braucht. Nicht anders als Debatten im Fernsehen: wenn alle gleichzeitig reden über alle Themen, missrät der Diskurs. Einzelne haben sich anregend unterhalten, aber die Gruppe hat am Ende kein Ergebnis. Weil wir möchten, dass alle miteinander reden, wir aber am Ende mit einem breit getragenen Ergebnis aus dieser Debatte herausgehen wollen, haben wir - wiederum in vielen Vorgesprächen und nach vorbereitenden Lektüren - wie zu jeder anderen Tagung auch versucht, die Debatte inhaltlich zu strukturieren, die ersten drängenden Themen identiziert und in einen Verlauf gebracht. Das Ergebnis ist unser Tagungsprogramm, plus die beiden Bereiche "Neue Themen" und die Umfrage nach verfügbarer Zeit. Letztere soll dazu dienen, die Tagung ggf. schneller oder langsamer laufen zu lassen. Der Bereich "Fehlende Themen" erlaubt es jedem Teilnehmer, seines Erachtens Fehlendes einzubringen und damit auf das Programm selbst einzuwirken.

Die oberste Frage schien uns zu sein: brauchen wir überhaupt eine weitere Organisation, und ggf. warum? = Sekt. I, Thema 1. Da in den zurückliegenden Monaten mehrere hart von Problemen Betroffene gute Erfahrungen mit gewerkschaftlicher Unterstützung gemacht haben, liegt & lag der Gedanke nahe, den Weg "Gewerkschaft" zu durchdenken und miteinander zu klären, weshalb wir als zweite Frage eben dieses gesetzt haben: "Gewerkschaft oder Berufsverband"? Die in Ihrem Beitrag eingebrachte Frage "Berufsverband oder Kammer" ist im derzeitigen Programm vorgesehen unter Sektion VI Thema 3 (ca. 2. Mai ff.). Gibt es gute Gründe, unsere Tagungs-Anordnung zu ändern? Gerne laden wir Sie ein, für die Debatte VI.3 den "Opener" zu schreiben, also aus Ihrem Beitrag hier den Startbeitrag der Debatte dort zu machen.

Das ebenfalls von Ihnen angeschnittene Thema länderweise vs. bundesweit ist in Deutschland wg. der Kulturhoheit der Länder ein notwendiges Thema. Wir haben es im Tagungsprogramm unter IV.3 vorgesehen (ca. 3. April ff.).

Zum Thema hier "Gewerkschaft oder Berufsverband" summiere ich, dass sowohl raykarl als auch Leif Steguweit Argumente dafür eingebracht haben, dass Gewerkschaften zwar sinnvoll und nützlich sein können, aber als gemeinsames organisatorisches Dach aller Archäologen kein taugliches Gefäss seien. Wenn diese These breite Zustimmung fände, hätten wir ein erstes wichtiges Ergebnis. Ich bin sehr gespannt, ob das nun so im Raum stehen bleibt, oder Gegenargumente oder weitere unterstützende Argumente findet.

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Re: 2. Gewerkschaft oder Berufsverband: was ist die angemessene Organisationsform?

Beitragvon raykarl » Fr 10. Mär 2017, 09:08

Nur ganzu kurz vorgreifend zur Kammerfrage, weil die durchaus eine Relevanz für die Frage Gewerkschaft oder Berufsverband hat: das CIfA, das ja bis zu einem gewissen Grad hier 'Vorbild' ist, erfüllt die Aufgaben der berufsständischen Selbstverwaltung, weil es in GB kein Kammersystem in diesem Sinn gibt. Dieses britische Modell hat aber auch im deutschen Sprachraum insofern einen gewissen Vorteil, als ich - für Österreich - bereits versucht habe, das Thema 'Archäologenkammer' auf den Tisch zu bringen (und sei es nur als Sektion der Architekten- und Ingenieurskonsulentenkammer, die es in Österreich gibt), und das ist aufgrund der Kleinheit des Berufstandes auf genau Null 'Gegenliebe' gestoßen. Was Österreich betrifft, sehe ich also in absehbarer Zeit keine Chance auf die Gründung einer Archäologenkammer, ob jetzt als eigene Kammer oder als Sektion einer größeren Kammer.

Insoferne - und das ist der wichtige Punkt für dieses Thema - sollte man meiner Meinung nach die hier gestellte Frage von Haus aus nicht als Frage nach einem Berufsverband im Sinne der von Leif Steguweit zitierten Wikipedia-Definition des Begriffs Berufsverband als Standesvertretung, sondern weit eher als Frage nach einer (privatrechtlichen) berufsständischen Selbstverwaltungskörperschaft verstehen (gegebenenfalls mit daneben laufender zusätzlicher Funktion als berufsständische Interessensvertretung, als die berufsständische Körperschaften in der Regel auch in sekundärer Funktion tätig werden; das gilt auch für das CIfA). Tatsächlich hat Leif durchaus Recht, wenn er sagt, dass es archäologische Berufsverbände im deutschen Sprachraum schon zuhauf gibt; was fehlt ist die berufsständische Selbstverwaltung. Ob man die in Deutschland im Wege des öffentlich-rechtlichem Kammersystems erreichen kann, kann ich natürlich nicht beurteilen und muss man diskutieren (sowohl ob man das kann als auch ob das, wenn man es kann, Sinn macht oder nicht eine privatrechtliche Organisation trotzdem zu bevorzugen wäre); aber in dieser Diskussion über die Frage 'Gewerkschaft oder Berufsverband' hat es meiner Meinung nach wenig Sinn, die Frage zu besprechen ob es einen (weiteren) Berufsverband im Sinn einer fachlichen Interessensvertretung oder eine Gewerkschaft braucht; sondern nur Sinn die Frage 'Gewerkschaft oder berufsständische Selbstverwaltungskörperschaft (egal ob öffentlich- oder privatrechtlich organisiert)' zu diskutieren.

Liebe Grüße,

Ray
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Re: 2. Gewerkschaft oder Berufsverband: was ist die angemessene Organisationsform?

Beitragvon Leif Steguweit » Fr 10. Mär 2017, 09:43

Hallo,
da eine Gewerkschaft offensichtlich ausscheidet, habe ich auf die unglücklich weil suggestiv gestellte Frage in der Überschrift aufmerksam gemacht. Berufsverband und Kammer sind eben zweierlei. Solche Begriffsbestimmungen sind offenbar vorab ganz wichtig, sie helfen vielleicht auch ein wenig weiter. Schließlich gibt es in Deutschland auch noch den Fachverband als Strukturform.
Als erstes wäre also eine Machbarkeitsstudie von professioneller Seite erwünscht, wie eine solche Körperschaft außerhalb der e. V. – Welt in Deutschland aufzubauen wäre.

Gruß LS

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Re: 2. Gewerkschaft oder Berufsverband: was ist die angemessene Organisationsform?

Beitragvon Cyrus » Fr 10. Mär 2017, 11:25

Liebe Kollegen und Kolleginnen,

Bevor wir uns gegen die alternative einer Gewerkschaft stellen, sollten wir uns genau darüber klar werden, wo die Missstände eigentlich liegen. Ein Versuch die Arbeit von Archäolog*innen zu beschreiben liefert die Disco-Studie (Discovering the Archaeologists of Europe). Ich halte es durchaus für plausibel, das besonders Arbeitnehmer*innen von Nachteilen betroffen sind und ausgebeutet werden. Eine Gewerkschaft vertritt natürlich nicht alle Archäolog*innen, sie vertritt Explizit die Position der Arbeitnehmer*innen. Die Probleme der Arbeitgeber*innen und Arbeitnehmer*innen sind außerdem qualitativ unterschiedlich.

Ich spreche mich nicht gegen einen Berufsverband oder eine Kammer aus, die Richtlinien festlegt. Im Gegenteil, anerkannte Richtlinien können dabei helfen unsere Interessen mit Autorität zu versehen. Aber eine Organisation von Arbeitnehmer*innen in der Archäologie halte ich dennoch für sehr sinnvoll. Möglicherweise ist der Vorschlag von Ray sehr gut, Archäolog*innen dazu zu raten, in lokale Gewerkschaften einzutreten und einen gewerkschaftsübergreifenden Rat zu kreieren. Aber vlt. stellen wir bei näheren Untersuchungen unserer Arbeitsbedingungen auch fest, dass 70% der Archäolog*innen Grabungshelfer*innen sind und es sehr wohl Sinn ergibt eine bundesweite Gewerkschaft zu gründen. Als Teil einer bereits etablierten Gewerkschaft wäre das denkbar. Wie Angestellte mit staatlichen Arbeitgeber*innen vorgehen sollen müssen wir noch herausfinden.

In Irland hat die Gewerkschaft "Unite Archaeology Ireland" es geschaft den Mindestlohn für Archäolog*innen auf 11:45 € anzuheben. Weiterhin untersuchen sie die Arbeitsbedingungen in Irland um zielgerichteter Verbesserungen durchsetzten zu können. Und, wie Frank schon erwähnte, hat auch in Deutschland der Kontakt zu Gewerkschaften einigen Archäolog*innen geholfen. Da es genau unser Ziel ist, die Arbeitsbedingungen zu verbessern, und Gewerkschaften auch schon teilweise geholfen haben diese zu verbessern, würde ich mich nicht zu schnell von dieser alternative abwenden. Sie hat vor und Nachteile, genau wie es ein Berufsverband hat. Am besten wäre es natürlich, beide Organisationen könnten sich ergänzen.

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Re: 2. Gewerkschaft oder Berufsverband: was ist die angemessene Organisationsform?

Beitragvon Leif Steguweit » Sa 11. Mär 2017, 10:33

Lieber Herr Siegmund,
wenn die Option Gewerkschaft m. E. bereits abgearbeitet ist, dann bleibt gemäß Ihrer Überschrift die zweite Variante Berufsverband. Das von Ihnen erstellte Arbeitspapier „Organisationsformen“ vernachlässigt allerdings den Blick auf die Rechtsform, die in Deutschland erhebliche Konsequenzen auf die Rolle des Verbandes hat.

Kern der Sache ist der Unterschied zwischen privatrechtlichen Vereinen einerseits und andererseits Berufskammern (Berufsständische Körperschaften), über die es eine staatliche Rechts- und zum Teil auch Fachaufsicht gibt. Die Kammern müssten per Gesetz, mindestens aber durch einen Vollzugsbescheid der Kultusministerien beauftragt werden, im Nachtrag zum Vollzug des jeweiligen Denkmalschutzgesetzes. Infolge der Landesgesetzgebung dürfte die Landesebene hier also die naheliegende sein. Auf Bundesebene wäre es wahrscheinlich deutlich schwieriger, zumal Firmenarchäologie eben nicht in allen Bundesländern zulässig ist. Die Möglichkeiten von gesetzlich eingebundenen Kammern sind um ein Vielfaches größer als von Vereinen, die ich am Kneipentisch schon mal gern als "Blümchenpflückervereine" bezeichnet habe.

Daher ist das Wort "Berufsverband" eben kein Oberbegriff für alle Optionen, zumindest nicht in Deutschland.

Gruß LS


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