Herzlich willkommen im Tagungsforum der DGUF! Unsere Vortagung endete zum 10. Juni. Alle Beiträge können weiterhin gelesen, aber nicht mehr kommentiert werden

Wir danken Allen herzlich für die intensiven, lehrreichen, spannenden Debatten und hoffen, Sie auch auf der Präsenztagung am 04. Juli in Mainz begrüßen zu dürfen.
Das Tagungsprogramm finden Sie hier "DGUF Tagungsprogramm 2017"


Die Zusammenfassungen zu den einzelnen Sektionen finden Sie hier: Zwischenergebnisse der Sektionen und Themen

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1. Braucht die deutsche Archäologie einen Berufsverband?

In dieser Sektion diskutieren wir allgemein über das Thema "Berufsverband für die Archäologie": Braucht die deutsche Archäologie einen Berufsverband? Gewerkschaft oder Berufsverband: was ist die angemessene Organisationsform?
Das Forum ist abgeschlossen, die Beiträge können jederzeit gelesen, aber nicht mehr kommentiert werden.
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Frank Siegmund
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Worum geht es im Kern, was genau ist das Projekt?

Beitragvon Frank Siegmund » Fr 17. Mär 2017, 08:30

Lieber Herr Schöbel,
Ihre zweifelnden Fragen kann ich gut verstehen! Es gibt in der deutschen Archäologie Strukturen, die vieles leisten und leisten können. Da stellt sich in der Tat die Frage, ob man noch eine weitere Struktur braucht. Zudem ist klar, dass jedes Neue auch Veränderungen für das Bestehende bedeutet. Dass das eventuell nicht allen gefällt, liegt in der Natur der Sache.

Lieber Ray,
Deine Beobachtungen sind auch meine: Die bestehenden Strukturen leisten schon vieles, aber mancherlei eben nicht. Die DGUF macht immer wieder die Erfahrung, wie zäh bis demotivierend es sein kann, im Bestand etwas zu ändern. Wenn ich beispielsweise daran denke, wie sehr die DGUF seit Jahren innerhalb des DVA aufläuft, wenn sie über dieses eigentlich nebensächlich (jedoch teure) Thema "Blickpunkt Archäologie" reden will... Du sprichst von "Macht" und "Demokratie". Ich teile Deine Einschätzung, dass in Deutschland viele Strukturen vor allem top down gedacht sind und wirken. Ich nehme aber immer wieder auch ein bemerkenwertens Vertrauen aus der anderen Richtung wahr, "die da oben werden es schon richten", also eine Neigung zum Delegieren von vorausschauendem Nachdenken und "Machen" nach oben. Daher freue ich mich sehr, dass wir hier in einem Raum zu einer demokratischen, machtfreien Debatte zusammengekommen sind, an der sich "oben" und "unten" beteiligen!

Wo genau besteht die Brücke zwischen beiden Standpunkten und Erfahrungen? Was tun wir hier? Wie stellen uns in einen (fiktiven) freien, leeren Raum des gemeinsamen Nachdenkens und fragen nach dem Bedürfnis nach einem Berufsverband: Gibt es dieses Bedürfnis wirklich? Was wären denn genau die Probleme, die ein Berufsverband lösen sollte? Wen genau sollte er vertreten, was sind die Felder, in denen er wirken sollte? Wer sind die Interessengruppen? Wer täte mitmachen, wie viele täten mitmachen? Wie genau sähe ein solche Struktur idealtypisch aus? Eine solche Abklärung braucht erst einmal einen freien Raum den Nachdenkens, ja, ohne den Blick auf Bestehendes. Dann, wenn wir wissen, dass es einen spezifischen Bedarf wirklich gibt, dann, wenn wir diesen Bedarf inhaltlich genau umreissen können, stellt sich die Frage nach der Umsetzung. Dazu gehört unbedingt auch die Frage: gibt es nicht schon längst eine Struktur, die diesen Bedarf erfüllen könnte, ohne dass wir es bemerkt hätten, oder könnte eine der bestehenden Strukturen mit minimem Wandel ihrer Selbst diesen Bedarf abdecken? R. Karl hat auf das britische CIfA hingewiesen. Ich hoffe auf Herrn Schöbel, der die bestehende Kraft und die Wandlungsbereitschaft vorhandener deutscher Institutionen darlegen wird. Hier müssten sich beispielsweise der BfK oder der dArV zu Wort melden, der ja laut Satzung ein Berufsverband aller Archäologen in Deutschland ist! Unsere Debatte hätte dann eventuell "nur" ergeben, welche Merkmale genau einer bestehenden Struktur noch fehlen, um den nunmehr konkretisierten und durchdachten Bedarf gut abzudecken.

Gerade die sehr lebendige Debatte in dem Thema "Meine Geschichte, meine Erfahrungen" (Sekt. II) spült vieles hoch, was bislang eher verschwiegen, kaum gesehen oder als bedauerlicher Einzalfall wahrgenommen wurde und unterstreicht, dass ein "weiter so wie bisher" für viele Kollegen keine gute Option ist. Ein "weiter so wie bisher" treibt sie aus dem Beruf Archäologie heraus oder in den sozialen Abstieg Richtung Hartz IV. Daher geht es darum, hier zuerst einen Bedarf abzuklären und ihn Schritt für Schritt möglichst exakt zu umreissen, und erst danach zu prüfen, ob und wie man diese Idealfigur in die Praxis umsetzen kann. Die Vision eines neuen Hauses ist zunächst einmal eine Vision eben dieses neuen Hauses und nicht die Kritik an allen schon bestehenden schönen Gebäuden samt Aufforderung zu deren Abriss! Manchmal steht am Ende der Vision eines neuen Hauses (z.B. beim unvermeidlichen Blick auf's Bankkonto) die Erkenntnis, dass eine Renovierung und ein Umbau am Bestehenden auch eine gute Lösung sind, oder gar, dass man schon immer lieber Mieter sein wollte. In diesem Sinne möchte ich persönlich gerne zusammen mit möglichst vielen und möglichst unterschiedlichen Kollegen im fiktiv leeren Raum über einen Berufsverband nachdenken. Brauchen wir ihn, und wenn ja, wie sollte er aussehen?

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Stephan Winkler
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Polemik zur Interessenlage

Beitragvon Stephan Winkler » Sa 18. Mär 2017, 17:44

Hallo zusammen,

ich bin doch nun etwas nachdenklich, nachdem ich die vielen Meinungsäußerungen gelesen habe: Prekäre Arbeitsverhältnisse, Selbstausbeutung bis zum Herzinfarkt, Gemauschel. Eigentlich sollte man jedem abraten, sich beruflich mit Archäologie zu beschäftigen...

Ich möchte im Folgenden eine Polemik versuchen und hoffe so auf weitere Diskussionen:

Wir diskutieren hier unter anderem, wer Mitglied eines Berufsverbandes sein soll/kann/darf. Die, die hier diskutieren, kommen zum überwiegenden Teil aus der Privatwirtschaft. Und daher werden auch zum überwiegenden Teil deren Probleme hier thematisiert. Und eigentlich geht´s dabei immer um´s Geld. Wo kommt das Geld also her?

Zunächst stellt sich die Frage: Wird Archäologie gesellschaftlich überhaupt (noch) gewollt? Wenn ja, dann gibt es einen politischen Auftrag, die Rahmenbedingungen dazu zu schaffen. Wenn nein, erübrigt sich die weitere Diskussion. Im Augenblick, so denke ich, heisst die Antwort: Ja, die Gesellschaft will Archäologie.

Also kann die Politik entweder aus Staatsgeldern die Archäologie steuerfinanzieren, was sie auch zum Teil über Mittelzuweisungen an die Träger öffentlicher Belange (TÖB) macht. Oder einen Gesetzesrahmen stellen, der die Verantwortlichkeit und somit die Finanzierung regelt, was zB über die Denkmalschutzgesetze / das Verursacherprinzip geschieht.

Also, eigentlich alles geregelt, oder?

Die TÖB, also "die Ämter", sind ausgestattet mit festangestelltem Personal, Material und Budgets und sind somit von den hier diskutierten Problemen fast nicht betroffen. Nur die Menschen, die sie aus ihren Budgets (zeitlich befristet) anstellen. Dabei richten sich die Ämter aber nach dem geltenden Recht, ein Missstand also, der auch andere Berufsgruppen trifft und somit kaum von einem archäologischen Berufsverband (allein?) angegangen werden kann. Es ist ein strukturelles Problem, an dem die archäologischen Fachämter als Arbeitgeber teilhaben.

Dann haben wir noch die private Finanzierung von Grabungen über den Bauherrn. Hier soll das Prinzip des freien Marktes die Preise regeln. Doch auf der Seite der archäologischen Anbieter finden sich unterschiedliche "Player", wie zB steuerbegünstigte, gemeinnützige Vereine, Kapitalgesellschaften (deren gesetzlicher Zweck Gewinnerzielung zur Kapitalmehrung ist), Personengesellschaften (die auch Gewinne erzielen wollen) und natürlich auch die Ämter, die -wie oben beschrieben- mit Studenten (zur Ausbildung) und Zeitbefristeten arbeiten.

Hier ahne ich Schwierigkeiten für einen Berufsverband, diese sehr unterschiedlichen, teils gegenläufigen Interessen unter ein Dach zu bekommen und zum Zwecke der Verbesserung zu bündeln. Aber weiter:

Ich lese hier im Forum Berichte über von (einzelnen!) Amtsvertretern vorformulierten Angeboten und beeinflußten Ausschreibungen. Von der Ausübung der fachlichen Aufsicht mittels (angemasster?) Weisungsbefugnis, die im Vertragsverhältnis zwischen Auftraggeber (Bauherr) und Auftragnehmer (Grabungsfirma) "eigentlich" nicht vorkommt. Dabei übernimmt "das Amt" -teils berechtigt, teils nicht- mehrere Positionen, zwischen denen es wechselt: Der des fachlichen Gutachters (gesetzlicher Auftrag), des Rechnungsprüfers (Prüfung von Angeboten auf Wirtschaftlichkeit), des Mitbewerbers (wenn das Amt "selbst graben will" und aufgrund der vorhandenen, steuerfinanzierten Ausstattung "anders" kalkulieren kann).

Neben dem strukturell knappen Geld des Amtes wird so vom gleichen Amt "künstlich" auch das Geld der Verursacher im archäologischen Markt verknappt, was am Schluß die hier im Forum diskutierten Probleme erzeugt.

Über das "Warum?" müssten wir vielleicht in einem anderen Forum diskutieren.

Ich überlege nur, wie ein Berufsverband, in dem ja wohl Private und Amtsträger Mitglied sein werden, dies auflösen will/kann/soll.

Schönes Wochenende
Stephan Winkler

PS: Ich hoffe auf Widerspruch. Ich würde mich nämlich wirklich gerne widerlegt wissen.
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Re: 1. Braucht die deutsche Archäologie einen Berufsverband?

Beitragvon falknaeth » Sa 18. Mär 2017, 21:25

Hallo Herr Winkler,
zunächst stellt sich mir die Frage, wie eine sinnvolle Kommunikation zwischen dem öffentlichen Dienst und dem privatwirtschaftlichen Sektor konstruktiv aufgebaut und erhalten (ausgebaut?) werden kann. Dabei haben unlängst auch die behördlichen Archäologen die tiefgreifenden Veränderungen im archäologischen Arbeitsumfeld erkannt: In Niedersachsen hat man z. B. die archäologische Kommission auch für Grabungsfirmen geöffnet, so dass - trotz anfänglicher Vorbehalte gegenüber den "Kommerziellen" - hier eine echte Chance in einem etablierten Rahmen einen konstruktiven Austausch von Seiten der Vertreter des öffentlichen Dienstes (denn der Beschluss zur Öffnung kam von Seiten unserer behördlichen Kollegen) angestoßen wurde. Im Aufbau eines Berufsverbandes bedarf es zunächst der Kommunikation: Die privaten Dienstleister sind gefragt, ihre Situation den Kollegen des öffentlichen Dienstes transparent zu machen, während die Vertreter der Denkmalbehörden ein stärkeres Vertrauen in die Fähigkeiten ihrer "kommerziellen" Kollegen entwickeln müssen. Eine gemeinsame Arbeit an entsprechenden Qualitätsstandards wird hierbei unabdingbar sein, wobei beide Perspektiven - die "amtliche" genauso wie die "kommerzielle" gefordert sind.
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Stephan Winkler
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Re: 1. Braucht die deutsche Archäologie einen Berufsverband?

Beitragvon Stephan Winkler » Sa 18. Mär 2017, 22:23

N'Ahmt Herr Näth,

und Danke für den Hinweis, meine "Situation den Kollegen des öffentlichen Dienstes transparent zu machen". Sie haben Recht und ich nehme das ernst und werde versuchen, dies direkt am Montag auf der Jahrestagung der westfälischen Archäologie anzugehen.

Ansonsten habe ich in meinem letzten Beitrag versucht, meinen Eindruck der bisherigen Diskussion hier zuzuspitzen und als Essenz darzustellen. Ich wollte keinen Erlebnisbericht aus Westfalen vorlegen.

Was ich aber jetzt bezogen auf den anderen Aspekt Ihres Posts doch gerne machen möchte:
Die Öffnung der archäologischen Kommission in Niedersachsen für "Private" war mir bekannt und ich halte das für vorbildlich und ungemein hilfreich.

In Westfalen heißt das Gegenstück "Altertumskommission": https://www.lwl.org/LWL/Kultur/Altertum ... mitglieder Die Mitgliederzahl ist beschränkt, im Augenblick ca 70, Kandidaten werden zu einem Vortrag eingeladen und anschließend wird über ihre Aufnahme abgestimmt. Die derzeitige AK setzt sich ganz mehrheitlich aus Amtspersonen (aktiv oder im Ruhestand) zusammen.

Der ehemalige Vorsitzende der AK, der verstorbene Prof. Dr. Torsten Capelle, hat oft darauf hingewiesen, dass früher auch die "charakterliche Eignung" der Kandidaten ein Auswahlkriterium war, aber diese Bestimmung war auch schon zu seiner Zeit aus der Satzung gestrichen.

Personen aus dem privatwirtschaftlichen Sektor aufzunehmen wurde nach meiner Kenntnis diskutiert und beschlossen, allerdings bei unveränderter Mitgliederzahl. Insofern wird sich dieses Forum auch in Zukunft nicht mit der archäologischen Kommission in NDS vergleichen lassen.

Stephan Winkler
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Re: 1. Braucht die deutsche Archäologie einen Berufsverband?

Beitragvon Jens-M. Barke » So 19. Mär 2017, 09:29

[...] während die Vertreter der Denkmalbehörden ein stärkeres Vertrauen in die Fähigkeiten ihrer "kommerziellen" Kollegen entwickeln müssen.
Das 'Vertrauen in die Fähigkeiten' sollte doch der Theorie nach durch die Grabungsrichtlinien der Landesämter konkretisiert/ kontrollierbar gemacht worden sein. Bei Verstoß gegen diese gäbe es für alle nachvollziehbaren Grund zur Beanstandung. Fairerweise und um gemeinschaftlich eine gute archäologische Arbeit voran zu treiben, kommen Vertreter der Ämter zu den laufenden Grabungen um 'work in progress' ihrer Aufsichtspflicht nachzukommen. So kenne ich es zumindest.
Eine gemeinsame Arbeit an entsprechenden Qualitätsstandards wird hierbei unabdingbar sein, wobei beide Perspektiven - die "amtliche" genauso wie die "kommerzielle" gefordert sind.
Das ist für mich ein zentrales Argument für einen Berufsverband Archäologie! Oben genannte Richtlinien sind ja Ländersache. Aber einen Qualitätsstandard für Ausgrabung/ Dokumentation/ Auswertung/ Publikation gemeinsam festzulegen, und sich diesem als Mitglied eines mindestens bundesweiten Verbandes zu verpflichten fände ich wichtig. Kontrolliert und gefördert durch den Verband.

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Reichen die "Grabungsrichtlinien"? Bundesweite Grabungsrichtlinien?

Beitragvon Frank Siegmund » So 19. Mär 2017, 10:02

Sehr geehrter Herr Barke,

es geht um mehr als "Grabungsrichtlinien", d.h. die Qualität des Produktes Ausgrabung. Es geht auch um die Qualität der Art, wie das Produkt Ausgrabung zu Stande kommt. Die Grabungsrichtlinien regeln, was die Ämter z.Zt. regeln können: die Doku muss so und so aussehen, Fotos mindestens und höchstens jene Pixelzahl haben, usw. usf. Aber wie ein Produkt entsteht, dazu sagen die Grabungsrichtlinien (soweit ich sie kenne) nichts. Vergleich TÜV: die Funktionstüchtigkeit der Bremsen muss gegeben sein, weiter geht der TÜV nicht. Wie ich als Autobesitzer diese Auflage erfülle, ich meine Sache. Da ich selbst nicht reparieren kann (was seitens TÜV ja nicht verboten wäre), wende ich mich "an die Werkstatt meines Vertrauens", die als eingetragene KFZ-Werkstatt und Meisterbrieb bestimmten Regularien unterliegt und Mindeststandards einhält. Ich als Kunde vertraue darauf (und kümmere mich nicht weiter drum), dass die Qualitätssicherungskonzepte im Hintergrund schon irgendwie greifen, und nach meiner Erfahrung tun sie das in der Tat: meine Bremsen - um bei dem Beispiel zu bleiben - wurden nach einem Werkstattbesuch dann vom TÜV stets anstandslos als funktionstüchtig abgenommen.

Daher: Grabungsrichtlinien = Definition der Mindestqualität des Produkts Grabung = Zuständigkeit Amt. Der Berufsverband müsste "nur" regeln, dass bestimmte Arbeiten von bestimmten mindest-qualifizierten Mitarbeitern erbracht werden müssen und dass diese nach vereinbarten Mindeststandards anzustellen (Versicherungen etc.) und zu entlöhnen sind, dass Firmen die Regeln der Arbeitssicherheit einhalten, Mitglied in einer Berufsgenossenschaft ist... - auf all das könnte man sich im Rahmen eines Berufsverbandes verpflichten. So ließe sich in gemeinsamer Anstrengung die Qualität des Produkts *und* seiner Herstellungsbedigungen sichern.

Gäbe es neben den bestehenden Produktstandards (Grabungsrichtlinien) auch Herstellungsstanddards (via Berufsverband), könnten die Ämter in ihren Beauflagungen auch die Einhaltung der von Berufsverbänden gesicherten Herstellungsstandards einfordern. Dann könnten sie wiederum ggf. auch die Annahme einer Grabungsdoku verweigern, wenn zwar die Grabungsrichtlinien eingehalten wurden (d.h. die Grabung als solche fachlich o.k. ist), aber die Herstellungsstandards nicht eingehalten wurden.

Wenn ich Ihren Beitrag richtig verstanden habe, geht es Ihnen vor allem um bundesweit einheitliche Grabungsrichtlinien. Sicherlich wünschenswert. Soweit das möglich ist, kümmert sich da ja schon der Verband der Landesarchäologen drum, und mehr als der VLA bereits erreicht hat, wird wohl auch ein Berufsverband zunächst einmal nicht erreichen. Als realistisch erreichbares Nahziel ginge es mit persönlich eher darum, die länderspezifischen Grabungsrichtlinien mit Hilfe eines Berufsverbands um die Komponente "wie kommt das Produkt Grabung zu Stande" zu ergänzen.

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Re: 1. Braucht die deutsche Archäologie einen Berufsverband?

Beitragvon Schöbel » So 19. Mär 2017, 12:10

Signifikant im Forum bleibt weiterhin die Diskussion um die Situation der Denkmalpflege in den 16 Bundesländern. Und hier scheint auch der am meisten zu beklagende Drucksituation aufgrund zu Recht angemerkter prekärer Beschäftigungsverhältnisse zu bestehen. Hier sollte ein ein Berufsverband 16 mal Standards und Qualitätsbewußtsein durchsetzen. Doch wer ist hier Ansprechpartner und mit wem müssten diese Forderung durchgesetzt werden? Ist es sinnvoll dies mit oder gegen die Landesarchäologien zu tun, mit oder ohne DVA. Im föderalen System der Bundesrepublik kommt hier der Ministerialbürokratie keine geringe Rolle zu. Sie regelt und lenkt. Eine Binnensicht aus unserem kleinen Fach heraus überschätzt bei Beschäftigungsverhältnissen sicher die Rolle von Landesarchäologen. Sie sind weisungsgebunden und setzen in der Regel Richtlinien um, werden gehört. Wenn etwas schief gegangen ist, dann haben sie nicht die Macht eine neue Form von Beschäftigung zu wählen, sondern werden angehalten, Lösungen entlang der ministerialen Vorgaben umzusetzen. Das meiste ist Sache und Hoheit der Länder. Dort müsste zusammen und meiner Meinung nach bundesweit koordiniert angesetzt werden. Das beginnt aber wie schon mehrfach angemerkt mit der wohl verloren gegangenen In-Wertsetzung von Archäologie, in den Schulen, in den Lehrerseminaren, in der Pädagogik, in den Medien, bei der Identifikation, der Integration - ich will hier kein weiteres Fass aufmachen - aber die Misstände haben nicht ihren Ursprung in einzelnen Amtsträgern, die angeblich ihren Job nicht machen, sondern in einer Gesellschaft, die wieder mehr kulturelles Bewußtsein braucht. Dort könnte eine gute pressure group mit guten Mitgliedern etwas bewegen.

Themen der Museen und der Universitäten werden zwar in der Zusammenfassung vorn Diane Scherzler bis zum 16. März kurz angesprochen, spielen aber weiter hier -wenn ich die Beiträge richtig lese - keine Rolle.

Ein Berufsverband für Alle und nicht nur für die Beschäftigten der Denkmalpflege bleibt daher solange eine geistige Chimäre, bis deutlich gemacht werden kann, wie die Situation von Uni Museen und Denkmalpflege unter dem Dach eines gemeinsamen Verbandes, der die Archäologien besser gestaltet,sinnvoller geformt werden kann.

Meiner Meinung nach ist das Potential bestehender Verbandsstrukturen noch nicht ausgeschöpft und der Versuch zusammen mit allen Verbänden etwas zu unternehmen noch nicht erfolgt. Wie ein neuer Verband dies gegen die bestehenden Vertretungsstrukturen machen möchte, verstehe ich noch nicht.

Zu sagen: "alles Bestehende schlecht, funktioniert nicht, ineffektiv, müssen besser verfahren und neuer Verband wird es richten" ist aus der Sicht des Einzelnen betrachtet legitim, und bei aller Traurigkeit verständlich, vergisst aber die Mechanik des Systems. Funktionierende Lösungen brauchen ständige Kooperationen und Kommunikationen und darauf sind Funktionsträger zu verpflichten. Im Kampfanzug für die gute Sache wird zwar kurzfristig Aufmerksamkeit erregt und Medienbeachtung erreicht. Konsequente Verbesserung erfordert jedoch direkte Gesprächsaufnahme mit den Verantwortlichen und das immer wieder.

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Re: 1. Braucht die deutsche Archäologie einen Berufsverband?

Beitragvon Michaela Schauer » So 19. Mär 2017, 12:25

Lieber Herr Schöbel,
vielen Dank für Ihre kritische Zusammenfassung.
Wie Sie anmerken, sind Museen und Universitäten bisher unterrepräsentiert, was aber vor allem daran liegt, dass sie bis dato schweigen - wir hoffen sehr, dass sich dies noch ändern wird, denn ein Zusammenschluss (wie auch immer er geartet sein mag) muss diese Gruppen umbedingt mit einschließen (Wir werden das in Sektion III.1 Was und wen soll ein erfolgreicher Berufsverband für die Archäologie umfassen: alle Archäologien oder spezifische Sparten innerhalb der Archäologie (Klass. Arch. / UFG; Ausgräber / Museumsleute / Forscher / Laborarchäologie; Wissenschaftler / Techniker / Arbeiter)? noch genauer diskutieren)

Und ja, es wirkt aktuell so, als wäre
alles Bestehende schlecht, funktioniert nicht, ineffektiv
aber so muss man die Debatte nicht lesen. Es handelt sich aktuell eher um eine Sammlung von Misständen, ohne, dass 'jemand an den Pranger' gestellt wird.

Ob ein
neuer Verband (...) es richten
wird, ist noch nicht abzusehen, bzw. sollte noch diskutiert werden. Hierfür steht dann Sektion VII.2 Erfüllt eine der bestehenden Strukturen bereits das skizzierte Profil eines geeigneten Berufsverbandes, könnte eine bestehende Struktur durch Wandel dorthin transformiert werden, oder ist eine Neugründung sinnvoll? zur Verfügung.

Es mag sein, dass die bisherige Diskussion auf eine Neugründung hinweist, aber entschieden ist hier noch nichts. Möglicherweise zeigen sich auch einige andere Perspektiven, wenn mehr Arbeitsbereiche der Archäologie (Ämter, Museen, Universitäten etc.) aktiv in die Debatte einsteigen.

Beste Grüße

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Re: Reichen die "Grabungsrichtlinien"? Bundesweite Grabungsrichtlinien?

Beitragvon Jens-M. Barke » So 19. Mär 2017, 22:11

Eigentlich hatte Frau Schauer schon einen schönen Schlußpost für diese Sektion. Ich muss aber nochmal etwas richtig stellen:
[...]
Gäbe es neben den bestehenden Produktstandards (Grabungsrichtlinien) auch Herstellungsstanddards (via Berufsverband), könnten die Ämter in ihren Beauflagungen auch die Einhaltung der von Berufsverbänden gesicherten Herstellungsstandards einfordern. Dann könnten sie wiederum ggf. auch die Annahme einer Grabungsdoku verweigern, wenn zwar die Grabungsrichtlinien eingehalten wurden (d.h. die Grabung als solche fachlich o.k. ist), aber die Herstellungsstandards nicht eingehalten wurden.
[...]
Völlig richtig und erstrebenswert. Im Grunde finde ich in punkto Qualitätsstandards/ code of conduct das Modell CIfA sehr interessant. Das CIfA hat sich aber scheinbar auch wieder davon zurückgezogen, für Mindestlöhne zu kämpfen. Die Festsetzung gewisser Mindeststandards für alle hat aber auch eine zwangsläufige Erhöhung der bisherigen Minimallöhne/ -preise zur Folge, da Qualität einfach kostet. Wait hat dies auch beschrieben, ohne dass ich jetzt die exakte Textstelle auf Anhieb wiederfinde.

Warum ich so auf die Grabungsrichtlinien abhob zeigt sich vielleicht aus meiner an anderer Stelle kurz angerissenen Erfahrung mit low-budget-Rettungsgrabungen. Wie gesagt gehört letzlich alles zusammen: Erzwungen gute Arbeit -> erfordert eine gewisse Mindestqualifikation/ -bezahlung für alle -> verringert die Unterschiede zwischen den Anbietern und -- > begünstigen so fairen Wettbewerb

Was mir noch fehlt ist, wie geht es nach der guten Qualitätsarbeit durch fair angestellte Archäologen weiter? Es sollte auch in den Qualitätsstandards berücksichtigt werden: Werden Ergebnisse publiziert? Werden sie einem wissenschaftlichen Bearbeiter (mit einer weiterreichenden Forschungsfrage als der Fundmeldung im Jahrbuch) zur Verfügung gestellt? Das ist nicht so selbstverständlich wie man annehmen sollte.
Auch hier wurde - ich glaube von Raimund Karl - weiter vorne beschrieben, wie das CIfA eine Dreijahresfrist festgelegt hat, in der der Grabungsleiter das Publikationsrecht hat, bevor es weiter gereicht wird. Finde ich super. Aber ich will auch einen Passus, der es nur unter bestimmten, vom Berufsverbandkomitee zu prüfenden, Gründen erlaubt, ein Ersuchen um die wissenschaftliche Auswertung von Doku/ Funden abzulehen.

Fazit: Ja, ich als Ausgräber fände einen starken Verband gut, der vermittelt und Qualitätsstandards kontrolliert.

Nächste Frage: Für Firmen mit Konkurrenzdruck kann dieses Qualitätssiegel schnell ein must-have werden. Aber warum sollten Landesämter sich darauf einlassen?
Vom Grabungssektor weg: Warum sollten Museen und Universitäten sich darauf einlassen?

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Re: 1. Braucht die deutsche Archäologie einen Berufsverband?

Beitragvon raykarl » So 19. Mär 2017, 22:33

Die sollten sich alle drauf einlassen, weil es das Richtige ist. Wer ein professioneller Archäologe sein will, der will sich auch an disziplinäre Standards halten. Wer sich nicht daran halten will, ist kein professioneller Archäologe. Auch dann nicht, wenn er Uniprofessor oder Landesarchäologe ist.

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