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1. Braucht die deutsche Archäologie einen Berufsverband?

In dieser Sektion diskutieren wir allgemein über das Thema "Berufsverband für die Archäologie": Braucht die deutsche Archäologie einen Berufsverband? Gewerkschaft oder Berufsverband: was ist die angemessene Organisationsform?
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falknaeth
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Re: 1. Braucht die deutsche Archäologie einen Berufsverband?

Beitragvon falknaeth » Fr 10. Mär 2017, 14:00

Zunächst stellt sich für mich die Frage, in welche Arbeitsfelder sich ein Berufsverband hineinstreckt. Für freiberufliche Kultruwissenschaftler gibt es bereits den BfK. Dort eingetretene Grabungsfirmen sind in einer Sektion "Archäologische Grabungsfirmen" zusammengeschlossen und haben auch einen Kodex etc. nach welchem sie handeln (sollten). 2016 hat sich der VGFA gegründet, der m.E. einen guten Ansatz verfolgt, die Feldarchäologie zu vertreten. Vielleicht wäre es sinnvoll, bei bestehenden Vereinigungen und Verbänden anzuknüpfen und an aufgaben- und branchenspezifische Vertretungen zu denken, anstatt einen Ansatz zu verfolgen, der versucht, alle Berufs- und Aufgabenzweige, die annähernd mit der Archäologie als Wissenschaft in Verbindung zu bringen sind, unter "einen Hut" bringen zu wollen.
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Michaela Schauer
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Re: 1. Braucht die deutsche Archäologie einen Berufsverband?

Beitragvon Michaela Schauer » Fr 10. Mär 2017, 14:25

Liebe/r falknaeth,
die Frage, in welche Arbeitsfelder sich ein Berufsverband hineinstreckt
ist eine sehr Wichtige, die definitiv diskutiert werden muss, da jedes Arbeitsfeld seine eigenen Grenzen und Möglichkeiten bzw. Wünsche und Probleme hat und deshalb berechtigerweise gefragt werden muss, wer vertreten werden soll.
Deswegen wird es in Sektion III.1 (ca. 20 März ff.) 'Was und wen soll ein erfolgreicher Berufsverband für die Archäologie umfassen: alle Archäologien oder spezifische Sparten innerhalb der Archäologie (Klass. Arch. / UFG; Ausgräber / Museumsleute / Forscher / Laborarchäologie; Wissenschaftler / Techniker / Arbeiter)?' die Gelegenheit geben, darüber ausführlich zu debattieren.
Vielleicht wäre es sinnvoll, bei bestehenden Vereinigungen und Verbänden anzuknüpfen und an aufgaben- und branchenspezifische Vertretungen zu denken
auch diese Frage ist von großer Relevanz - hierfür steht dann ab dem 15 Mai Sektion VII.2 'Erfüllt eine der bestehenden Strukturen bereits das skizzierte Profil eines geeigneten Berufsverbandes, könnte eine bestehende Struktur durch Wandel dorthin transformiert werden, oder ist eine Neugründung sinnvoll?' zur Verfügung, in der diese Gedanken sehr gut aufgehoben wären.

Wenn es allgemeiner Konsens ist, dass das Thema
branchenspezifische Vertretungen
gezielt diskutiert werden soll, so kann auch hierfür ein eigener Bereich geschaffen werden. Der Vorschlag kann unter https://www.tagungsforum.dguf.de/viewforum.php?f=20 eingebracht werden.

Beste Grüße
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Re: 1. Braucht die deutsche Archäologie einen Berufsverband?

Beitragvon Jutta » Mo 13. Mär 2017, 15:31

Den Antworten meiner Vorredner*innen kann ich mich nur anschließen. SELBSTVERSTÄNDLICH brauchen wir eine Interessenvertretung für Archäolog*innen. Die Gründe dafür sind ja hier ausführlich dargelegt worden. Die Frage ist für mich also nicht "ob", sondern "wie"? Wie muss ein solcher Verband gestaltet sein, um Durchsetzungskraft zu haben und ernst genommen zu werden. Er darf keine Quasselbude sein, die hier und da mal ein Statement oder eine Absichtserklärung in die Welt setzt. :twisted:

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Re: 1. Braucht die deutsche Archäologie einen Berufsverband?

Beitragvon Schöbel » Mo 13. Mär 2017, 15:56

Ein Berufsverband der Archäologie müßte sich vor den Inhalten, die sicher in einer direkten Interessenvertretung gegenüber den Arbeitgebern bestehen, zuerst Gedanken über eine Organisationsform machen. Hier stimme ich meiner Vorrednerin zu. Wo ich nicht zustimme, ist die Qualifizierung "Quasselbude" und "mal ein statement - mal eine Absichtserklärung" für das Bestehende. Emotionalismen bringen uns in der Sache nicht viel weiter und demokratische Abstimmungsprozesse zwischen mehr als einem Dutzend Partnern sind manchmal nicht einfach. Doch schauen wir mal rein in die Struktur.

Denkmalpflege, Museen, Universitäten haben bereits Berufsverbände. Das sind der Verband der Landesarchäologen und Landesarchäologinnen, das sind die Museumsverbände mit ihren archäologischen Abteilungen und das ist das Professorium der Institute mit Archäologie oder Ur- und Frühgeschichte.
Leider (?) gilt in Deutschland das foederale Prinzip in der Kulturverwaltung und man hat immer mindestens 16 (wie Bundesländer) mal 3 (wie Denkmalpflege, Museum, Universität) - und man kommt am Ende auf mindestens 50, wenn nicht gar über 300 selbstständige Ansprechpartner (Museen sind etwa Teil von Stiftungen, Firmenmuseen, Vereinsmuseen, Kommunalmuseen, Museen öffentlicher und privater Träger), die man miteinbeziehen müsste. Das ist eine sehr große Aufgabe, die eigentlich folgerichtig nur zentral gelöst werden kann.

Eine solche zentrale Stelle benötigt Geld und Personal, alleine mit Ehrenamt ist dies nur schwer zu leisten. Ein solcher Verband braucht Mitgliedsbeiträge und Organisation, Steuervergünstigung, Spenden, stake holders, Netzwerk. Oder wie soll er sonst funktionieren?

Je länger ich überlege, desto mehr sehe ich diese Organisation eines Berufsverbandes bei bereits bestehenden Interessenvertretungen. Im DVA etwa sind diese Organisationen z.B. versammelt. Warum geht man nicht den Weg über diese Verbände unter dem Dach des DVA, unter dem auch die DEGUF steht und bewegt dort die gewählten Interessenvertreter?

Eigentlich müssten die Vertreterinnen der archäologischen Museen infolge der grassierenden Sparmassnahmen und Stellenkürzungen für eine bessere Vertretung sein (Frau Kollegin Derks). Auch die Denkmalpflege (Kollege Rind) oder die Universitäten (Kollege Müller) oder die unabhängige Studierendenvertretung sollten doch im Interesse einer gemeinsamen Archäologie besser eingebunden werden können.
Ich habe den Verdacht, dass dies so richtig noch gar nicht versucht wurde. Auch vermute ich, dass prekäre Beschäftigungsverhältnisse in einem archäologischen Bereich, nämlich dem der Denkmalpflege, den Ruf nach einem eigenen Berufsverband besonders verstärkt haben. Zum Glück beginnt die Tagung im Mainz mit einer Podiumsdiskussion zu prekären Beschäftigungsverhältnissen und das ist auch gut so. Initiiert hat dies aber so weit ich weiß eine bereits bestehende Verbandsstruktur. Deswegen meine Frage, wie soll den ein neuer Berufsverband aussehen - und warum können dies die bestehenden nicht leisten?

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raykarl
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Re: 1. Braucht die deutsche Archäologie einen Berufsverband?

Beitragvon raykarl » Mo 13. Mär 2017, 17:41

Hi,
Je länger ich überlege, desto mehr sehe ich diese Organisation eines Berufsverbandes bei bereits bestehenden Interessenvertretungen. Im DVA etwa sind diese Organisationen z.B. versammelt. Warum geht man nicht den Weg über diese Verbände unter dem Dach des DVA, unter dem auch die DEGUF steht und bewegt dort die gewählten Interessenvertreter?
Mein größtes Problem damit ist dass so gut wie alle die genannten Interessensvertretungen Partikularinteressen bestimmter Teile der Archäologie vertreten und daher als allgemeine Vertretung nicht geeignet sind; und der DVA auf mich den Anschein einer Totgeburt erweckt. Über die Gründe für letzteres können wir gerne streiten, aber ich glaube nicht, dass das viel bringen wird. Punkt ist, dass meiner Meinung nach eine Organisation ins Leben gerufen werden muss, die von den derzeit bestehenden Machtstrukturen in der deutschsprachigen Archäologie weitgehend unabhängig ist, und das der DVA nicht sein kann; und zwar deshalb, weil er so konstituiert ist, dass er alle diese Machtstrukturen zu integrieren versucht hat. Das kann für eine Interessensvertretung des Fachs gegenüber 'der Außenwelt' nützlich sein, für eine Organisation, die in erster Linie innerer Qualitätssicherung dienen sollte, ist es jedoch absolut tödlich. Davon abgesehen müsste man den DVA von Grund auf reformieren, damit er solche fachinternen Qualitätssicherungsaufgaben übernehmen könnte, weil er derzeit eben ein 'Dachverband' ist, der in erster Linie bereits bestehende Organisationen 'bündelt', nicht jedoch Einzelpersonen als Mitglieder wie auch immer gearteten Qualitätskontrollmechanismen unterwerfen bzw. diese zur freiwilligen Selbstunterwerfung unter solche Kontrollmechanismen bewegen kann. Genau das braucht es aber.

Um wieder einmal das britische Beispiel zu bemühen, wo ich das gut beurteilen kann, weil ich meine Drecksfinger in vielen verschiedenen 'Berufsverbänden' und anderen vergleichbaren Organisationen drinnen habe: das CIfA ist von all diesen Organisationen, seien es jetzt UAUK, CBA, die verschiedenen ministeriellen Beratungsgremien etc. unabhängig. Und das ist auch wichtig, weil sonst vieles nicht ginge, was aber gehen muss. Zum Beispiel: ich bin Mitglied des UAUK (University Archaeology UK, das ungefähre britische Äquivalent zum bereits genannten 'Professorium' in Deutschland); und wir verhandeln gerade mit CIfA (und ich bin einer der Verhandler dafür für UAUK) über ein System zur professionellen Akkreditierung archäologischer Studiengänge. Ziel der Verhandlungen soll sein, dass AbsolventInnen von akkreditieren Universitätskursen mit ihrem Studienabschluss gleichzeitig die Voraussetzungen für eine Mitgliedschaft im CIfA erwerben, also mit ihrem Studienabschluss zum CIfA gehen können und automatisch Mitglied werden können; also ohne dass sie noch eine weitere 'Aufnahmeprüfung' machen müssen. Das geht nur, wenn das Qualitätskontrollorgan - in diesem Fall CIfA - von den zu kontrollierenden Organisationen und deren Interessensvertretung unabhängig ist. Wäre UAUK ein Mitglied mit Stimmrechten im CIfA-Vorstand, könnte man das so nicht verhandeln, weil hier ein unmittelbarer Interessenskonflikt bestehen würde.

Der DVA, dessen Struktur auf der bestehenden Verbandsstruktur in Deutschland aufbaut, könnte diese Rolle nicht erfüllen. Weil der DVA ist - wenigstens so, wie er derzeit aufgebaut ist - von den bestehenden Verbänden mehr abhängig als diese Verbände ungekehrt vom DVA. Dass der DVA ernsthaft irgendwelchen archäologischen Organisationen auf die Finger klopft - wozu ihm noch dazu jedwede Legitimation fehlt - kann ich derzeit nicht sehen.

Die meiner Meinung nach weit interessantere Frage ist die: CIfA operiert international, es wäre also durchaus möglich, einfach eine 'deutsche Sektion' von CIfA zu gründen und damit mit einem Schlag eine bereits bestehende, die notwendigen Aufgaben schon erfüllende Organisation mit etwa 3.500 schon existierenden Mitgliedern zu haben, die auch in Deutschland tätig werden kann. CIfA hat auch schon einen Haufen der Grundlagenarbeit geleistet, zwar auf Englisch und in Hinblick auf die britischen Strukturen, aber damit in einem Rahmen der durchaus in vielerlei Hinsicht dem deutschen Sprachraum vergleichbar ist, weil wir (derzeit noch) alle insbesondere im Bereich des Arbeits-, Vertrags- und Umweltschutzrechts (zu dem letztendlich über UVPs auch der Schutz der kulturellen Umwelt gehört) auf Basis von EU-Recht operieren. Und dass die Unterschiede in den Denkmalschutzgesetzen unüberwindlich wären, wage ich in einigermaßen genauer Kenntnis der 16 deutschen, des österreichischen und der 4 britischen Denkmalschutzgesetze (weil CIfA deckt das ganze UK ab, und das hat - nicht anders als Deutschland - den Kulturgüterschutz föderal gelöst) zu bezweifeln. Aber das können wir in einem eigenen Diskussionsstrang zu späterer Zeit noch genauer diskutieren!

Liebe Grüße,

Ray
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Re: 1. Braucht die deutsche Archäologie einen Berufsverband?

Beitragvon Frank Siegmund » Mo 13. Mär 2017, 18:59

Lieber Herr Schöbel,
ich möchte Ihnen ausdrücklich für Ihren wertvollen Beitrag danken! Nicht, weil ich Ihnen gänzlich zustimme, sondern weil Ihr Beitrag sehr ehrlich und offen schreibt, wie viele etablierte Archäologen in Deutschland über unser Thema denken: eigentlich gibt es schon viele (gute) Strukturen in der deutschen Archäologie, eigentlich gibt es schon eine Institution, die diese Vielfalt gut bündelt (den DVA), man muss sich eben nur noch ein bisschen mehr anstrengen und dort mitwirken. Nicht zuletzt: die etablierten Strukturen tun ja auch was, sie haben z.B. für den DAK in Mainz eine Podiumsdiskussion zu prekären Arbeitsverhältnissen aufgeleist. (Den nicht so sehr mit dem Fach vertrauten zur Erinnerung: G. Schöbel ist neben seinem Hauptberuf als Museumsleiter ehrenamtlich der stellvertretende Vorsitzende des starken und traditionsreichen West- und Süddeutschen Altertumsverbandes.)

Einzelne Stimmen hier im Forum und auch privatissime außerhalb des Forums waren der Meinung, die DGUF-Organisatoren hätten hier als erstes Thema der Tagung den Teilnehmern mit der Frage "Braucht die deutsche Archäologie einen Berufsverband?" eine Scheinfrage gestellt, mit der man sich eigentlich gar nicht ernsthaft beschäftigen brauche, weil die Antwort ja eh' klar wäre: sie braucht einen! Der Beitrag Schöbel zeigt uns, dass es eben keine Scheinfrage war. Dass vielmehr sehr viele Archäologen in Deutschland noch davon zu überzeugen sind, dass ein Berufsverband dringend gebraucht würde. Dass also auch die Probleme, deren Lösung man sich von einem Berufsverband erhofft, sehr deutlich und unmissverständlich aufgezeigt werden müssten. Dass es (leider) auch nötig ist zu beschreiben (wenn dem so ist), dass bestehende Strukturen sicherlich manches geleistet haben, aber strukturell andere Probleme nicht gestemmt haben und möglicherweise auch nicht zu stemmen in der Lage sind. Liebe Tagungsteilnehmer: unsere Eingangsfrage ist eine sehr schwere, anspruchsvolle und vor allem wichtige Aufgabe, sie verdient eine sorgfältige und seriöse Debatte. Die Antworten, die wir gemeinsam finden, sollten am Ende auch andere überzeugen, jene vielen nämlich, die hier an der Vortagung nicht teilnehmen. In Deutschland arbeiten ca. 2.500 Archäologen im Beruf Archäologie (Schätzung nach DISCO), davon haben wir allenfalls 0,5 % unter uns. Ich sehe das wie mit dem Rauchen: einen Saal voller überzeugter Nicht-Raucher davon zu überzeugen, dass Rauchen gesundheitsschädlich ist, ich keine Kunst. Die Aufgabe der "Nicht-Raucher" hier lautet: der Saal ist voller genussvoller Raucher - nun haben Sie bitte gute Argumente für's Nicht-Rauchen und bringen Sie diese überzeugend rüber.

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Re: 1. Braucht die deutsche Archäologie einen Berufsverband?

Beitragvon Leif Steguweit » Mo 13. Mär 2017, 19:34

Einige der hier mitdiskutierenden Firmenarchäologen streben eine berufsständische Vereinigung an, die mit den bestehenden Strukturen eben nicht zu erreichen ist. Auch der DVA ist letztlich ein e. V., scheidet also in diesem Sinne aus. Ich habe nun mehrfach in den Threads auf diesen Umstand hingewiesen, damit wir keine einseitigen Weichen stellen, die später in der Diskussion dann nicht mehr zurückzustellen wären.

Gruß LS

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Re: 1. Braucht die deutsche Archäologie einen Berufsverband?

Beitragvon Schöbel » Di 14. Mär 2017, 08:19

Wenn wir die Luft etwas herauslassen und uns auf das Thema "Braucht die deutsche Archäologie einen Berufsverband" besinnen, dann gibt es sicher niemand in der Archäologie, der diese Frage nicht entschieden mit ja beantwortet. Die gesellschaftlichen und kulturpolitischen Veränderungen sind in allen Feldern gravierend. Überlegungen sind nicht nur legitim, sondern dringend notwendig. Die Geisteswissenschaften leiden, der gesellschaftliche Mehrwert der Archäologie wird oft nicht mehr erkannt. Es geht an dieser Stelle aber noch nicht, wenn ich die Aufgabe richtig verstehe, darum, wer diesen Berufsverband bilden soll, sondern warum und wie und für wen man dies tun soll. Wenn ich das richtig verstehe, dann müssten wir in das nächste Kapitel wechseln und dieses schließen. Dann wäre dies hier ein Fake-Kapitel, das auf die eigentliche Frage erst hinführt.

Ob der Berufsverband die DEGUF sein soll oder die CFA oder eine bestehende legitimierte Gruppe, muss gesondert entschieden werden. Ich möchte daher dafür plädieren, die Aufgabe nicht nur von der Denkmalseite her zu betrachten. In Sachen Repräsentanz hat hier auch gerade die oft zitierte Disco Studie ihre Schwächen. Museen kommen dort etwa für unseren Bereich kaum vor, auch der ganze ehrenamtliche Bereich -alles auch Archäologinnen und Archäologen - sind dort nur marginal präsent.

Wenn in Mengen an der Donau oder in Hitzacker an der Elbe ein Museum geschlossen werden soll, dann braucht es einen Berufsverband. Wenn in Leipzig oder Saarbrücken Archäologische Institute in ihrem Bestand diskutiert werden, dann auch. Wenn Museumsbschäftigungen prekär sind oder Dozentinnen mit Kleinstvergütungen die Lehre aufrechterhalten braucht es Fürsprecher. Und sicher sind bei einem frühindustriellen Umgang mit Beschäftigungsverhältnissen ohne Perspektiven im Ausgrabungsbereich Maßnahmen erforderlich. Aber wer ist da dagegen? Es braucht konstruktive Vorschläge und intensive Zusammenarbeit mit den bestehenden Gremien. Und ich frage noch einmal, ob hier mit den Vertreterinnen und Vertretern der Museen, der Universitäten und der Denkmalämter und der Verbände schon kommuniziert wurde und wer das getan hat und wie die Antworten ausgefallen sind.

Da ich jetzt als gewähltes Mitglied eines Verbandes (WSVA) ge -outet wurde, darf ich noch ergänzen, dass ich dort nicht als Hinterzimmergespenst und Drahtzieher, sondern als legitimierter Vertreter eines Museumsträgervereins mit 700 Mitgliedern sitze und dessen Interessen als nichtstaatliche Organisation vertreten soll. Das sind Menschen, die sich mit Archäologie auseinandersetzen und Teil einer Vereinigung sind, die mit den Vereinen und Organisationen der Schweiz und Österreichs etwa 30 000 Mitglieder zählt, ein Interessenverband in welchem auch viele Berufstätige integriert sind - also auch ein Berufsverband, der wie die DEGUF, der ich auch lange angehöre, unter dem Dach der DVA versammelt ist. Daneben bin ich in der Lehre tätig und sehe dort, dass die Qualität der Ausbildung und die Zukunftsaussichten im Fach Archäologie nicht den Standards entspricht, die etwa in den naturwissenschaftlichen Fächern oder auch im Tourismus, der für uns in den Museen eine wachsende Rolle spielt, üblich sind. Als Denkmalpfleger im Ehrenamt schließlich ist mir auch die dritte Säule gut bekannt und ich bin in der glücklichen Lage, die Dinge von verschiedenen Seiten anschauen zu dürfen.
Also wie soll der neue Berufsverband aussehen, für wen soll er da sein, was soll er leisten, wie soll er arbeiten und wie qualifiziert und legitimiert er sich und schicken wir dann den DVA oder den österreichischen Archäologischen Rat oder die Versammlung der Schweizerischen Kantonsarchäologen als Fürsprecher einer gemeinsamen Archäologie in Rente?

Dieser Thread (Themenstrang) interessiert mich unter der Überschrift, wenn es ein Verband für alle und nicht eine Gewerkschaft sein soll.

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Re: 1. Braucht die deutsche Archäologie einen Berufsverband?

Beitragvon raykarl » Di 14. Mär 2017, 09:26

Hi,
Einige der hier mitdiskutierenden Firmenarchäologen streben eine berufsständische Vereinigung an...
Nicht nur einige der hier mitdiskutierenden Firmenarchäologen, auch einige der hier mitdiskutierenden universitären ArchäologInnen streben definitiv eine berufsständische Vertretung an! ;-) Die Frage ist dabei nur, ob man diese wirklich als öffentlich-rechtliche Kammer oder als privatrechtliche Organisation haben will (in welchem Fall sie auch ein e.V. sein kann - ich glaube daher nicht, dass die Rechtsform als solche zwingend e.V.s ausschließt).
Dass vielmehr sehr viele Archäologen in Deutschland noch davon zu überzeugen sind, dass ein Berufsverband dringend gebraucht würde.
Ja, da ist sicherlich einiges an Überzeugungsarbeit zu leisten, wobei ich mir allerdings nicht sicher bin (von einigen Ausnahmen abgesehen) inwiefern eine solche Überzeugungsarbeit mit Argumenten Wirkung zeigen wird. Entschuldige, wenn ich hier etwas zynisch sage: meiner Erfahrung nach sind gute Teile der Archäologie evidenz- und argumentresistent, insbesondere wenn es um fachliche Selbstkritik geht. Und gerade die Frage nach einer berufsständischen Selbstverwaltung - und als solches verstehe ich die Frage nach einem Berufsverband derzeit, weil wenn es nicht die Frage danach ist, stellt sich tatsächlich die Frage, warum dieser Berufsverband nicht der DVA sein soll - macht nicht nur fachliche Selbstkritik notwendig, sondern erfordert auch eine Selbstkritikfähigkeit der Fachleute; vor allem derer, die derzeit in fachlichen Positionen sitzen, in denen sie Macht ausüben können. Genau diese Selbstkritikfähigkeit scheint mir jedoch bei Vielen leider ziemlich unterentwickelt zu sein; siehe nur die Reaktionen der Verantwortlichen auf die Kritiken am 'hessischen Stipendium'.

Die Probleme, die es gibt, werden gerade von jenen, die derzeit 'oben' sitzen, kaum gesehen. Weil sie bestehen in erster Linie in den Bereichen, von denen die derzeitigen fachlichen 'MachthaberInnen' in Wirklichkeit gar keine Ahnung haben, weil sie sich mit dem Bereich, der am stärksten betroffen ist - dem 'kommerziellen Grabungssektor', überhaupt nicht auskennen. Die Gründung einer berufsständischen Vertretungskörperschaft muss daher primär in diesem Bereich beginnen, und das ist auch historisch betrachtet das was anderswo passiert ist.

Wieder zum Vergleich, das britische Beispiel. CIfA ist nicht als das 'Chartered Institute for Archaeologists' zur Welt gekommen, sondern hat seinen Ursprung als 'Institute of Field Archaeologists' (IFA) genommen, sich dann zum 'Institute for Archaeologists' (IfA) weiterentwickelt, und hat die Royal Charter, die es zum CIfA gemacht hat, erst ca. 25 Jahre nach seiner Gründung erhalten.

Die Umstände, in denen das ursprüngliche IFA gegründet wurde, waren ziemlich genau die gleichen wie die, in denen sich die deutschsprachige Archäologie derzeit befindet: 1975 wurde in England die 'Central Excavation Unit' des Department of the Environment gegründet, die gemeinsam mit der Royal Commission for the Historic Monuments of England später zu 'English Heritage' wurde. Die CEU sollte de facto alle zunehmend notwendiger werdenden 'Rettungsgrabungen' durchführen. Aber bereits binnen knapp eines Jahrzehnts hat sich erwiesen, dass die CEU bzw. ab 1983 dann EH damit einfach nicht fertig wurde, weil sie einfach nicht genug Kapazitäten dafür hatte, alle 'notwendigen' archäologischen Rettungsmaßnahmen im Feld durchzuführen.

Daher kamen schon in den 1980ern zunehmend archäologische 'Privatunternehmen' auf (anfänglich oft nicht wirklich als Firmen sondern als 'gemeinnützige' Vereine organisiert; ein Prozess, den man auch in Österreich in den letzten ca. 10-20 Jahren schön nachvollziehen kann, wo das genauso passiert [ist]). Diese 'neuen privatwirtschaftlichen Archäologieunternehmen' bekamen dann einen zusätzlichen Aufschwung durch die weitgehende Wegkürzung der CEU (die dann in den 1990ern nur noch als Lösung für die allerärgsten Notfälle gesehen wurde) und die flächendeckende Einführung des Verursacherprinzips in der britischen archäologischen Denkmalpflege durch PPG 16 in England (1990), Wales, und in ähnlicher Form (aber unter anderem Namen) auch in Schottland kurz danach.

Damit war im UK im Zeitraum zwischen ca. 1980 und den frühen 1990ern der 'kommerzielle Archäologiemarkt' entstanden. Dieser 'Markt' war aber gerade in seiner 'Frühphase' durch genau die gleichen Probleme gekennzeichnet, die derzeit im deutschsprachigen 'Grabungssektor' grassieren: 'Kontrolle' gab es bestenfalls durch Auflagen für die eigentlichen archäologischen Feldforschungen, der Rest hingegen - vor allem die wirtschaftliche Seite - war weitgehend 'wilder Westen', in dem jede 'Firma' machen konnte (und machte) was sie wollte. Klar: es gab von Anfang an 'gute Firmen', die ihre Arbeit ordentlich erledigten und faire Arbeitsbedingungen anboten; aber es gab auch massenweise 'Cowboys', die mehr oder minder 'pfuschten' und auch teilweise vollkommen inakzeptable Arbeitsbedingungen anboten. Die 'Behörden' wiederum spielten ihre eigenen Spielchen, manche hatten ihre 'Lieblingsgrabungsfirmen', denen sie Aufträge zuschanzten, während sie andere (nicht zu selten aufgrund persönlicher Feindschaften zwischen 'AmtsarchäologInnen' und 'Firmenchefs') schnitten. In manchen Teilen des UK entstand daher ein 'Fleckerlteppich' aus vielen verschiedenen 'Lösungen', insbesondere in England, während in anderen Teilen, insbesondere in Wales, das Landesdenkmalamt (CADW) einfach eine 'regionale Struktur' aus vier 'Archaeological Trusts' unterstützt hat, die sich die vier Viertel des Landes 'brüderlich' aufgeteilt haben und lange Zeit die einzigen 'kommerziellen' Anbieter im Land waren und teilweise auch Aufgaben übernommen haben, die jenen der 'unteren Denkmalbehörden' in Deutschland ungefähr entsprechen (insbesondere durch ihre Involvierung im Bauplanungsprozess).

Dieser 'wilde Westen' der frühen britischen kommerziellen Archäologie brauchte einen 'Sheriff', der für Ordnung sorgt. Und nachdem der Staat diesen nicht bereitstellen konnte und/oder wollte, wurde eben schon 1982 - also als der 'wilde Westen' gerade erst zu entstehen begann - das IFA gegründet (unterstützt durch einige schon bestehende Verbände wie das Council for British Archaeology, etc.), das versuchen sollte, hier gewisse Standards zu setzen und eine gewisse fachliche Selbstkontrolle dieses 'wilden Westens' zu etablieren. Anfänglich hatte es praktisch keine Mitglieder, weil gerade die 'Cowboys' am Markt nicht daran interessiert waren, sich der Autorität eines (mehr oder minder selbst ernannten) 'Sheriffs' zu unterwerfen. Interesse daran hatten eigentlich nur die paar 'Grabungsfirmen', die halbwegs ordentlich arbeiten und halbwegs faire Arbeitsbedingungen anbieten wollten; und natürlich jene GrabungsarbeiterInnen, die bei 'Cowboys' gearbeitet hatten und bessere Arbeitsbedingungen wollten, als sie von denen geboten bekamen. Das hat dazu geführt, dass das IFA langsam aber stetig gewachsen ist, so wie auch der Grabungsmarkt gewachsen ist, und mehr und mehr 'gute Firmen' langsam die 'Cowboys' vom Markt verdrängt haben.

Dem CIfA hängen seine 'Ursprünge' als 'berufsständische Selbstkontrolle des Grabungssektors' übrigens noch bis heute nach: auch heute sind - geschätzt, genaue Zahlen habe ich nicht - nicht einmal 20% aller universitären und MuseumsarchäologInnen bei CIfA Mitglied, und bei den 'DenkmalamtsarchäologInnen' schaut es nicht wesentlich anders aus, soweit ich das beurteilen kann. Dafür sind etwa 3/4tel der 'GrabungsarchäologInnen' Mitglied bei CIfA. Das geht bis heute soweit, dass es weit leichter ist, als 'GrabungsarchäologIn' Mitglied im CIfA zu werden als als 'universitäre ArchäologIn', weil einfach die 'Aufnahmeprüfung' viele Sachen verlangt, die eigentlich nur Leute erfüllen können, die im Grabungssektor tätig sind oder (wenn sie z.B. aus dem universitären Sektor kommen) wenigstens ziemlich viel graben bzw. vorher viel Grabungserfahrung gesammelt haben.

Anyway, langer Rede kurzer Sinn: die Probleme im deutschsprachigen Raum sind derzeit in erster Linie genau dort, wo sie auch im UK waren, als CIfA seine Arbeit begonnen hat. Inakzeptable Arbeitsbedingungen für Personal, enorme Unsicherheit für Firmenchefs bzw. Grabungsfirmen, all das teilweise kombiniert mit denkmalbehördlicher Willkür bzw. variabler denkmalbehördlicher Willigkeit, eine 'kommerzielle Archäologie', die viele 'Wildwest'-Elemente beinhaltet, grundsätzlich überhaupt einmal zu akzeptieren, statt selbst als 'Central Excavation Unit' zu operieren, auch wenn das vorne und hinten nicht mehr geht, weil die Kapazitäten dazu - ob nun selbst- oder fremdverschuldet - fehlen (siehe die aktuelle Lage in Baden-Württemberg). Und diese Probleme gehören auch zuerst angegangen, nicht die Probleme, die vielen derzeitigen 'archäologischen Machthabern' in bequemen (idealerweise noch verbeamteten und damit unkündbaren) Fixposten als wichtig erscheinen, wie ob irgendwo ein Museum zugesperrt wird oder irgendwo ein Archäologiestudium geschlossen werden soll (und ich bin von Letzterem gerade selbst betroffen, sehe also durchaus ganz unmittelbar die Bedeutung dieses Problems für die Betroffenen - aber für die Archäologie als Berufsstand ist dieses Problem vollkommen schnurzpiepegal).

Liebe Grüße,

Ray
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Re: 1. Braucht die deutsche Archäologie einen Berufsverband?

Beitragvon Felix » Di 14. Mär 2017, 10:12

Ich möchte nur kurz eine kleine Anmerkung zur DISCO-Studie loswerden.

Meines Wissens nach fehlt in dieser Studie nahezu der gesamte privatwirtschaftliche Grabungssektor mit seinen Angestellten.


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