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1. Braucht die deutsche Archäologie einen Berufsverband?

In dieser Sektion diskutieren wir allgemein über das Thema "Berufsverband für die Archäologie": Braucht die deutsche Archäologie einen Berufsverband? Gewerkschaft oder Berufsverband: was ist die angemessene Organisationsform?
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Sascha Piffko
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1. Braucht die deutsche Archäologie einen Berufsverband?

Beitragvon Sascha Piffko » Sa 4. Mär 2017, 18:03

Braucht die deutsche Archäologie einen Berufsverband?

Ja! Seit vielen Jahren wird in der deutschen Archäologie umfassend und auf vielen Ebenen über die Arbeitsbedingungen geklagt: Mitarbeiter auf den Grabungen beklagen befristete Verträge und schlecht bezahlte Saisonarbeit; den Grabungsfirmen fehlt es oft an qualifiziertem Personal, der Preiskampf und Dumpingangebote schmälern merklich die Gewinne der seriösen Firmen, das Betriebsrisiko ist sehr hoch; an den Ämtern ist der anhaltend hohe Arbeits- und Leistungsdruck eine Belastung für die Mitarbeiter; an den Universitäten werden unbefristete Einstellungen immer seltener, was zu Lasten der Studierenden geht; die Studierenden in der Archäologie werden meist unzureichend auf die Berufswelt vorbereitet, was sich durch die verschulten Bachelor- und Masterstudiengänge noch verschärft hat; Werkverträge, Scheinselbstständigkeit und Unterbezahlung sind an der Tagesordnung. Kaum Beachtung findet dabei die Gefahr der Altersarmut; denn eine fehlende Sozial- und Rentenversicherungen sowie die Verlagerung des Risikos auf die Arbeitnehmer führen zu einer bedrohlichen Situation für jene, die den Beruf aus Alters- oder Gesundheitsgründen nicht weiterführen können. Daher sind für viele Archäologinnen und Archäologen Familiengründung, Existenzsicherung und Vermögensaufbau nicht resp. nur in Einzelfällen möglich.

Neben diesen allgemeinen Problemen fallen zusätzlich Exzesse des Missbrauchs auf, seien es Zeitarbeitsfirmen für Archäologen, unausgesprochene aber faktisch bestehende Berufsverbote für Einzelne, unterbezahlte Stipendien und ausgenutzte Doktoranden, Praktikanten oder Volontäre.

Kaum jemand wagt es, die Probleme offen anzusprechen, denn zu groß die Gefahr, als Nestbeschmutzer verschrien und isoliert zu werden. Das Risiko, sich im umfassenden Wettbewerb Chancen zu verbauen, keine Aufträge mehr zu bekommen, ist existenzbedrohend. Vieles, was in anderen Berufen undenkbar wäre, wird in der Archäologie inzwischen als „normal“ akzeptiert, und ein Korrektiv ist nicht sichtbar. Vielmehr werden Probleme gerne verschwiegen oder verharmlost. Den meisten Kollegen fällt die Hoffnungslosigkeit ihrer Situation erst auf, wenn es zu spät ist und nur der Ausstieg aus der Archäologie als Alternative übrig bleibt.

Aus diesem Grund brauchen wir einen Berufsverband, der Regeln setzt und deren Einhaltung überwacht, der zwischen den Arbeitgebern und Behörden, den Museen und Institutionen vermittelt, der als Beschwerdeinstanz und Ansprechpartner dient, der juristisch und fachlich berät und Archäologen hilft, wieder tragfähige berufliche Perspektiven zu entwickeln. Arbeitsschutz, soziale Absicherungen und Zukunftssicherung dürfen keine Ausnahmen sein, sondern sie müssen als Normalität zum Beruf des Archäologen dazugehören. Auch wenn man als Archäologe nicht reich wird, so sollte man doch wenigsten nicht für eine sich ans Studium anschließenden sozialen Abstieg studiert haben. Was gut für uns Archäologen ist, ist auch für die Archäologie gut.
Forschung und Denkmalschutz darf nicht zu Lasten der Forscher und Denkmalschützer gehen.
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HenrietteBaron
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Re: 1. Braucht die deutsche Archäologie einen Berufsverband?

Beitragvon HenrietteBaron » Do 9. Mär 2017, 10:37

Die Frage, die man sich ganz am Anfang stellen sollte, ist meines Erachtens: sind diese schlechten Bedingungen fachspezifisch für die Archäologie? Oder eher breiter verwurzelt in den Geisteswissenschaften allgemein? Davon hängt schließlich ab, was man am Ende bewegen kann und was nicht.
Meines Erachtens kann ein Berufsverband für Archäologie durchaus zu Verbesserungen führen, da das Mittel der freiwilligen Selbstverpflichtung in einem kleinen Fach wie dem unseren greift. Es hilft, wenn es Standards gibt, an denen man sich orientieren kann und es schützt die Menschen in einem kleinen Fach vor einem ruinösen Wettbewerb. Man kann es mit der Buchpreisbindung vergleichen: Ein Kulturgut und die mit diesem zusammenhängenden Branchen werden geschützt, indem der Wettbewerb etwas eingeschränkt ist. Das ist gut -- ich ganz persönlich empfinde das Ausmaß des Wettbewerbs in der Forschung bereits als destruktiv.
Ein Berufsverband kann auch eine Interessenvertretung gegenüber der Politik sein. Hier ist jenseits von Denkmalschutzgesetzen auch im Bereich von Wissenschaftszeitvertragsgesetz und Abbau des akademischen Mittelbaus, immer selteneren Entfristungen usw., einiges im Argen. Da wiederum steht ein rein archäologischer Berufsverband allerdings recht klein und schwach dar. Hier müsste man überlegen, ob man die Gründung eines Berufsverbandes für Archäologie als einen Schritt in Richtung einer Interessenvertretung einer größeren Gruppe mit ähnlichem oder gleichem Schicksal sieht.
Ich bin der Ansicht, dass wir es gerade mit einer handfesten Krise der Geisteswissenschaften zu tun haben und man auch am geisteswissenschaftlichen Selbstverständnis den Hebel ansetzen könnte, um wieder zu mehr Akzeptanz seitens der Gesellschaft, der Forschungslandschaft und damit auch der Politik zu kommen. Im Moment hecheln die Geisteswissenschaften dem Vorbild der "erfolgreichen" Naturwissenschaften hinterher (Generation von Lösungen für moderne Probleme, Anwendbarkeit von Forschung, vorwiegend Quantitative Erfassung von Erfolgen, u. v. m.) statt sich auf die eigentlichen Kernkompetenzen der Geisteswissenschaften zu berufen, z. B. ein Katalysator gesellschaftlichen Fortschritts zu sein.

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Re: 1. Braucht die deutsche Archäologie einen Berufsverband?

Beitragvon Birgit Anzenberger » Do 9. Mär 2017, 18:33

Ich bin absolut der Meinung, dass die deutsche Archäologie einen Berufsverband dringend braucht. Alle Punkte, die oben angesprochen wurden, kann ich nur unterstreichen. Zwei Dinge sind mir wichtig:
1) Es braucht in den einzelnen Bundesländern Verbände, die unter einem Deutschen Dachverband aktiv sind. Denn die Länder haben unterschiedliche Voraussetzungen, zum Teil historisch gewachsen, und Vorgaben, die nicht ad hoc in ein Korsett gezwängt werden können. Ob sich eine Egalisierung mit der Zeit ergibt bleibt abzuwarten.
2) Die Verbände (sowohl die Landesverbände als auch der Bundesverband) sollte so breit wie möglich aufgestellt sein. Ob Archäologen, die an der Uni tätig sind oder Feldarchäologen, Nachbardisziplinen, Museen, Landesämter, Archäologische Vereine, Studenten, Politiker etc., je mehr Personen hinter der Archäologie stehen, desto mehr Möglichkeiten hat man, um sich Gehör zu verschaffen und etwas zu bewegen.
Den Gedanken, darüber hinaus weitere Kooperation mit anderen Geisteswissenschaften (die ggf. auch in „ihren Verbänden“ organisiert sind) halte ich für überlegenswert.
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Re: 1. Braucht die deutsche Archäologie einen Berufsverband?

Beitragvon Sophie Rotermund » Do 9. Mär 2017, 19:30

Vielen Dank für Ihre Anregungen Birgit Anzenberger!

Zu Ihrem berechtigen Aspekt:
1) Es braucht in den einzelnen Bundesländern Verbände, die unter einem Deutschen Dachverband aktiv sind. Denn die Länder haben unterschiedliche Voraussetzungen, zum Teil historisch gewachsen, und Vorgaben, die nicht ad hoc in ein Korsett gezwängt werden können. Ob sich eine Egalisierung mit der Zeit ergibt bleibt abzuwarten.
wird es in Sektion IV, 3 einen Thread mit der Fragestellung: "Soll ein Berufsverband auf Ebene der Bundesländer, deutschlandweit oder europaweit organisiert sein?" geben und somit auch die Möglichkeit tiefergehend über diesen Bereich der Organisation zu sprechen.

Zu Ihrem zweiten und ebenfalls wertvollen Aspekt:
2) Die Verbände (sowohl die Landesverbände als auch der Bundesverband) sollten so breit wie möglich aufgestellt sein. Ob Archäologen, die an der Uni tätig sind oder Feldarchäologen, Nachbardisziplinen, Museen, Landesämter, Archäologische Vereine, Studenten, Politiker etc., je mehr Personen hinter der Archäologie stehen, desto mehr Möglichkeiten hat man, um sich Gehör zu verschaffen und etwas zu bewegen.
Den Gedanken, darüber hinaus weitere Kooperation mit anderen Geisteswissenschaften (die ggf. auch in „ihren Verbänden“ organisiert sind) halte ich für überlegenswert.
wird es ebenfalls ,allerdings in Sektion III, 2"Schließt ein erfolgreicher Berufsverband Archäologie auch jene Nachbardisziplinen und Spezialisten
mit ein, die oft für die Archäologie tätig sind, wie z. B. handwerkliche und studierte Restauratoren,
physische Anthropologen, Osteoarchäologen, Paläobotaniker, Geoarchäologen?"
, die Möglichkeit geben eine ausgedehnte Debatte zu führen.

Vielleicht wäre für Sie auch die Sektion VI, 1 mit der Fragestellung "Wo gibt es außerhalb der Archäologie wertvolle Modelle und Erfahrung zum
Thema Berufsverband, wo kann man lernen?"
interessant?
Last edited by Pascal Geiger on Do 9. Mär 2017, 20:55, edited 1 time in total.

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Re: 1. Braucht die deutsche Archäologie einen Berufsverband?

Beitragvon Schöbel » Do 9. Mär 2017, 21:06

Vielen Dank für die bisherigen Beiträge.
Vielleicht etwas Historisches zu Beginn. Vielleicht hilft es bei der Schwerpunktsetzung und den weiteren Entscheidungen.

Die Idee eines Berufsverbandes ist nicht neu. Bereits 1921/1922 initiierten die Breslauer Archäologen Hans Seger und Martin Jahn einen "Berufsverband der deutschen Prähistoriker", der sich damals zuerst als Vertretung einer notleidenden Archäologie im Norden und Osten empfand, der vor allem gegen die so empfundene Dominanz einer süddeutsch-rheinischen und Berliner Prähistorie ein Gegengewicht schaffen wollte. Achim Leube hat dies einmal kurz bei den Burgwallforschungen dargestellt. Sie protestierten etwa gegen Wilhelm Unverzagt 1925 aus dem Süden als er am Berliner Museum den Direktorenposten bekam, wehrten sich gegen der ihrer Sicht nach zu starken Einflussnahme der römischen Richtung seitens der RGK und des Deutschen Archäologischen Reichsinstitutes auf die Belange der noch jungen prähistorischen Forschung. Sie waren aber auch Ansprechpartner für verzweifelte Jungwissenschaftler, die in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg keine Perspektive im Fach für sich mehr sahen und den Verband um Hilfe bei der Stellensuche baten. Dazu lohnt es sich etwa den Bestand Kalliope Ernst Wahle in Heidelberg anzuschauen. Schön wäre es, wenn weitere Informationen zusammengetragen würden, welche vor allem die Frühphase bis 1925 beleuchten könnten. Aus manchem kann man sicher lernen.

1933 kam es nach einer Tagung im Septemebr in Görlitz zur Gleichschaltung unter Bolko von Richthofen und zur Umbenennung in "Berufsvereinigung Deutscher Vorgeschichtsforscher" und zur unglückseligen sofortigen Anwendung des Arierparagrafen. Der Verband mutierte in eine NS Kampfabteilung für Vorgeschichte und diente der ideologischen Polarisierung innerhalb des Fachs. Doch davon soll nicht die Rede sein. Spannend sind die Satzungen 1928, die im Ansatz teilweise auch heute noch mehr Beachtung finden sollten:
Auszug:

Satzungen der Berufsvereinigung Deutscher Prähistoriker, Stand Anfang 1928

§1 Die Berufsvereinigung Deutscher Prähistoriker ist eine Vereinigung von Fachvertretern, deren Beruf die Erforschung der Vor- und Frühgeschichte des heimischen Bodens ist. Sie besteht aus ordentlichen Mitgliedern mit Sitz und Stimme. Ausserdem können zu ausserordentlichen Mitgliedern mit beratender Stimme Personen ernannt werden, die sich um die prähistorische Forschung verdient gemacht haben.
§2 Zweck der Vereinigung ist die Förderung der Berufs- und Standesinteressen ihrer Mitglieder, insbesondere
a) durch ihre Vertretung gegenüber anderen Körperschaften, Behörden usw.
b) durch gegenseitige Unterstützung und Belehrung, durch Austausch von Erfahrungen, Nachrichten, Lehrmitteln und dergleichen, durch Milderung und Schlichtung von Gegensätzen und Streitigkeiten,
c) durch Schaffung einheitlicher Grundsätze für die Behandlung von Aufgaben der Landesforschung und Denkamlpflege,
d) durch gemeinsame wissenschaftliche Unternehmungen
e) durch wissenschaftliche und soziale Förderung des Nachwuchses

Manches passt recht gut zur kommenden Tagung in Mainz.
Last edited by Diane Scherzler on Fr 10. Mär 2017, 10:35, edited 1 time in total.
Grund: Punkt e): "spezielle" wie gewünscht" durch "soziale" ersetzt.

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Es gibt auch einen Archäozoologenverband

Beitragvon HenrietteBaron » Fr 10. Mär 2017, 10:07

Nur zur Information sei darauf hingewiesen, dass auch in der Archäozoologie die Notwendigkeit gesehen wurde, sich irgendwie zusammenzuschließen, und zwar vor allem, um der prekären Berufssituation zu begegnen:

http://www.archaeozoologenverband.de/index.html

Ob dies aber ein Berufsverband im engeren Sinne ist, kann ich nicht sagen.

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Re: 1. Braucht die deutsche Archäologie einen Berufsverband?

Beitragvon Christoph_Unglaub » Fr 10. Mär 2017, 10:43

Ich denke, dass ein Teil der Probleme in der oft prekären archäologischen Berufssituation auch von einer mangelnden Öffentlichkeit herrührt.
Die heimische Archäologie ist in Deutschland viel zu wenig im öffentlichen Bewußtsein verankert, viele Leute wissen nicht, dass es "hier früher auch Menschen gab". Die Unkenntnis resultiert spätestens dann in Unverständnis, wenn die Sache Archäologie etwas kostet.
Auf der anderen Seite schauen sich viele Menschen im Museum gern interessante Fundstücke an, sind begeistert von Gräbern, Mumien und Pharaonen, fast jeder, dem man erzählt, man sei Archäologe ist erstaunt und positiv dazu eingestellt.
Auch dafür wäre es sinnvoll einen schlagkräftigen Berufsverband zu haben, der Öffentlichkeitsarbeit betreibt, das Verständnis für die Notwendigkeit
des Erhalts des kulturellen Erbes weckt, auch und gerade hier bei uns im regionalen Umfeld.

Felix
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Re: 1. Braucht die deutsche Archäologie einen Berufsverband?

Beitragvon Felix » Fr 10. Mär 2017, 11:25

Vielen Dank für die bisherigen Beiträge.

Meiner Meinung nach ist es sinnvoll einen Berufsverband zu gründen, da auf diesem Wege Möglichkeiten geschaffen werden, um gewisse Standards in der wissenschaftlichen Arbeit eines Archäologen zu verankern. Besonders für die Feldarchäologie sehe ich da großes Potenzial.
Ich musste in 10Jahren Berufserfahrung viel zu oft beobachten, dass besondere Ausgrabungen am Ende wenig wissenschaftlichen Sinn machen und letztenendes einfach nur Geld kosten, da aufgrund der Grabungsmethode, fehlender Zeit und fehlendem Fachpersonal (z.B. Anwesenheit eines Anthropologen auf einem Gräberfeld) aus Unwissenheit oder falschen Prioritäten wichtige Informationen direkt vor Ort verloren gehen. Auch fehlt es häufig an einer wissenschaftlicheren Ausarbeitung, da das Geld meist nichtmal für einen Kurzbericht reicht. Somit könnte man durch einen Berufsverband direkt unterstützend einwirken und die wirtschaftlich oft eingeschränkte Archäologie zu mehr Wissenschaft verhelfen.
Auf der anderen Seite stellt sich mir die Frage, wie ein Berufsverband umzusetzen ist, da besonders in den Bundesländern mit Verursacherprinzip und zugelassenen Grabungsfirmen die großen Auftraggeber sehr viel Einfluss auf die Archäologie haben. Alleine aus dem Aspekt, das für eine Grabungsfirma Großaufträge einen hohen Stellenwert haben, wenn es darum geht seine Mitarbeiter dauerhaft beschäftigen zu können. Dadurch erhalten diese Auftraggeber aber auch ein nicht unwesentliches Druckmittel auf die einzelnen Grabungsfirmen.
Zwar würde der Berufsverband gewisse Standards schaffen die alle Grabungsfirmen einzuhalten hätten, auf der anderen Seite habe ich zweifel, ob die Bauherren ohne eine Verschärfung des Denkmalschutzgesetzes solche "wissenschaftlichen Spielereien" finanzieren wollen oder nicht lieber die eher geringen Strafen in kauf nehmen, die häufig nicht ansatzweise an die Kosten einer Ausgrabung heranreichen. Als Argument der Baufirmen würde dann kommen: wir haben kein Interesse an ihrem Kram, warum sollen wir jetzt noch mehr bezahlen, als vor einem Jahr?

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Re: 1. Braucht die deutsche Archäologie einen Berufsverband?

Beitragvon Philip_Lueth » Fr 10. Mär 2017, 11:47

Ich möchte mich dem oben Gesagtem anschließen und einige Aspekt hinzufügen, die meiner Ansicht nach noch nicht zur Sprache kam:

Es ist sicherlich richtig, dass die finanzielle Krise des Faches auch mit der Krise der Geisteswissenschaften, bzw. der allgemeinen Unterfinanzierung der Universitäten, Museen und ähnlichem in Verbindung steht. Um hier einen wirkungsvollen Hebel ansetzen zu können Bedarf es größerer Verbände, wie z.B. Gewerkschaften (nebenbei sei hier bemerkt, dass die Gewerkschaften in der Vergangenheit immer wieder beklagt haben, dass insbesondere die Berufsgruppe der Akademiker in ihren Reihen unterrepräsentiert sind). Ein fachspezifischer Berufsverband schließt dabei das Zusammenwirken mit größeren Organisationen nicht aus.

In der Archäologie haben wir es jedoch mit einer Sondersituation zu tun. Die Archäologie beschäftigt sich nicht nur mit nur auf universitärer oder musealer Basis mit akademischen Fragestellungen, sondern erfüllt in der Bodendenkmalpflege auch hoheitliche Aufgaben.

Durch die Umsetzung des Verursacherprinzips (sei es mit Hilfe von Firmen oder durch die Landesämter selbst) der finanzielle Umsatz so stark angestiegen, dass ich davon ausgehe, dass die meisten Archäologen mittlerweile im Bereich Rettungsarchäologie tätig sind.

Obwohl, bundesweit gesehen, jährlich neunstellige Summen umgesetzt werden, hat sich die Situation der in diesem Bereich Beschäftigten nicht verbessert. Auf wenige Wochen oder Tage befristete Verträge, Löhne auf Mindestlohnniveau, Grabungsleitungen als unbezahlte Praktika, Scheinselbstständigkeit u. ä. sind hier nicht nur üblich sondern gängige Praxis. Hier sehe den größten Handlungsbedarf und auch die größten Möglichkeiten die Situation der Betroffenen zu verbessern. Dazu gilt es innerhalb eines Berufsverbandes Richtlinien zum Lohnniveau und zur Lösungen der Befristungsmisere zu entwickeln.

Wir brauchen diese Lösungen dringend. Denn: Auf einen Seite ist nicht zu erwarten, dass im öffentlichen Dienst neue Stelle geschaffen werden. Auf der anderen Seite ist davon auszugehen, dass die Aufgaben den Denkmalpflegebehörden vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen (Stichwörter: Rechtssicherheit und Verbandsklagerecht) eher noch zunehmen werden. Die Konsequenz daraus bedeutet: Mehr Auflagen, mehr Voruntersuchungen, mehr Rettungsgrabungen.
Für dieses mehr an Aufgaben brauchen wir Lösungsansätze mit denen alle Beteiligten leben können.

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Re: 1. Braucht die deutsche Archäologie einen Berufsverband?

Beitragvon Lisa Deutscher » Fr 10. Mär 2017, 13:58

Zwar würde der Berufsverband gewisse Standards schaffen die alle Grabungsfirmen einzuhalten hätten, auf der anderen Seite habe ich zweifel, ob die Bauherren ohne eine Verschärfung des Denkmalschutzgesetzes solche "wissenschaftlichen Spielereien" finanzieren wollen oder nicht lieber die eher geringen Strafen in kauf nehmen, die häufig nicht ansatzweise an die Kosten einer Ausgrabung heranreichen. Als Argument der Baufirmen würde dann kommen: wir haben kein Interesse an ihrem Kram, warum sollen wir jetzt noch mehr bezahlen, als vor einem Jahr?
Danke Felix, für diesen Beitrag.
Tatsächlich sehe ich ebenfalls eine große Herausforderung für den Berufsverband darin, die Geldgeber mitzunehmen. Ohne ihre Akzeptanz läuft nämlich leider Gottes gar nichts - mit dieser Realität müssen wir uns auseinandersetzen. Das bedeutet für uns, dass wir bei der Gestaltung eines Berufsverbandes darauf achten müssen, nicht nur umzusetzen, was wir uns für die Archäologie und die ArchäologInnen wünschen. Sehr starkes Augenmerk muss auch darauf liegen, was die verschiedenen Parteien, die wir für ein Gelingen brauchen, von der Notwendigkeit eines Berufsverbandes überzeugt.

Ich möchte hier jetzt nicht allzusehr ins Detail gehen, weil diese Diskussion eigentlich nicht hierher gehört, sondern wahrscheinlich in Sektion V oder VI besser aufgehoben wäre. Also hier nur kurz, um zu zeigen, dass das möglich ist:
Der Bauherr wünscht sich ja vor allem zwei Dinge: Der ganze Vorgang soll für ihn erstens unkompliziert sein und wenig Hickhack machen. Es soll außerdem relativ schnell gehen und relativ günstig sein. "Relativ" weil ich annehme, dass ein paar Euro hin oder her nicht kriegsentscheidend sind. Hauptsache ist, es passiert nichts unvorhergesehenes, das die Planung über den Haufen wirft und im Endeffekt viel mehr Kosten verursacht als ursprünglich eingepant: Daher Prio 1 auf "unkompliziert" und "planbar".

Hier kann ein Berufsverband dem Auftraggeber viele Sorgen abnehmen, wenn eine Zertifizierung bzw. Mitgliedschaft eine Garantie dafür ist, dass saubere Arbeit geleistet wird, professionelles Geschäftsgebaren herrscht und getroffene Verträge eingehalten werden. Wenn ihm dies sauber kommuniziert wurde, wird der Auftraggeber in seinem eigenen Interesse bei der Auswahl einer Grabungsfirma darauf achten, ob sie zertifiziert bzw. Mitglied im Verband ist oder nicht.

Ich werde einen Thread für diese Stakeholder-Diskussion im "neue Themen"-Forum vorschlagen - wer die Diskussion wichtig findet, kann den Antrag dort sekundieren: Hier gelangen Sie zum neu vorgeschlagenen Thread für diese Diskussion.
Last edited by Lisa Deutscher on Fr 10. Mär 2017, 18:13, edited 1 time in total.
Grund: URL des Threads zur Stakeholder-Dikussion eingefügt


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